Sieben und zwanzigstes Kapitel.
1. Um diese Zeit flüchtete sich an den Hof des Kaisers Konstantinus, ein Persischer königlicher Prinz, Namens Hormisdas, aus folgender Ursache. 2. Als sein Vater, König der Perser, nach Landessitte seinen Geburtstag feierlich begieng, kam Hormisdas in das königliche Schloß, und brachte vieles Wildpret mit. Da aber die zum Gastmahl Eingeladenen ihm weder Ehre bezeugten, noch dem Wohlstand gemäß vor ihm aufstanden, ward er unwillig, und drohte ihnen mit dem Tode des Marsyas. Nun verstanden die Wenigsten diese ausländische Redensart. Ein Priester aber, welcher in Phrygien sich aufgehalten, und die Erzählung von dem Schicksal des Marsyas gehört hatte, erklärte den neben ihm S. 166 Sitzenden den Sinn von der Drohung1 des Hormisdas. 5. Diese vergassen diese Drohung nicht, sondern erinnerten sich derselben bei dem Tode des Vaters von Hormisdas und erwählten dessen jüngern Bruder zum Könige; wiewohl das Gesez die Königsgewalt dem ältesten unter den königlichen Söhnen bestimmte; den Hormisdas aber legten sie in Fesseln und verwahrten ihn auf einer Anhöhe vor der Stadt. 6. Nach Verlauf einiger Zeit ersann ihm seine Gemahlin auf folgende Weise ein Mittel zur Flucht. 7. Sie verbarg in dem Bauche eines Fisches, eine eiserne Feile, nähte solchen wiederum zu, gab ihn einem sehr vertrauten Verschnittenen, und ließ dem Hormisdas wissen, daß er den Fisch in Niemandes Gegenwart essen, und das, was er in dessen Bauch finde, zu seiner Rettung anwenden solle. 8. In dieser Absicht schickte sie Kameele, mit vielem Wein und Speise beladen, ab, und ließ ihres Gemahls Wächter davon schmaussen. 9. Unterdessen fand Hormisdas in dem geöffneten Fische die Feile, mit der er darauf seine Fesseln durchschnitt; hernach des Verschnittenen Kleider anlegte, und mitten durch die schon S. 167 betrunkenen Wächter entkam. 10. In Begleitung eines Verschnittenen gelangte er zum Armenischen Könige, seinem Vertrauten und Gastfreunde. Durch dessen Hülfe kam er ohne Gefahr an Konstantins Hof, und ward dort mit aller Achtung und Ehrenbezeugung aufgenommen. So verhielt sich diese Begebenheit.2
Bekanntlich erzählt die Mythologie, daß Marsyas, welcher einen Wettstreit mit Apollo in der Flöte gewagt hatte, und vom Gott der schönen Künste besiegt war, die Strafe, lebendig geschunden zu werden, erleiden mußte. Diese fürchterliche Todesstrafe war bei den Persern nach dem Berichte des von Hrn. Reitemeier angeführten Ammianus XXIII. K. 6. nicht ungewöhnlich. ↩
Die Erzählung von Hormisdas Flucht sieht einer Fabel eben so ähnlich, als die Ursache, welche Zosimus von dessen Gefangennehmung angibt; und man wird noch geneigter an der Wahrheit der so fabelhaft klingenden Umstände zu zweifeln, wenn man vernimmt, daß Zonaras B. XIII. K. 5., welchen Hr. Reitemeier anführt, von Zosimus abweicht. Im dritten Buche kommen wichtigere Begebenheiten desselben vor. ↩
