Neunzehntes Kapitel.
1. Dieses ereignete sich hier. Surenas aber rückte indessen mit einer ansehnlichen Macht aus einer der Städte Assyriens, und überfiel den Vortrab der Römer, der nach Kundschaft ausgegangen war, und sich nicht vorsahe, und tödtete einen der drei Anführer nebst einigen der ihm untergeordneten Mannschaft, 2. schlug die übrigen in die Flucht, und bemächtigte sich eines Feldzeichens, das einen Drachen vorstellt, wie die Römer in Schlachten zu führen pflegen. So bald Julian den Vorfall erfuhr, zürnte er darüber, griff den Surenas mit der Macht, die er gerade bei sich hatte, muthvoll S. 258 an, schlug in die Flucht, was entrinnen konnte, eroberte die von den Feinden weggenommene Fahne wieder, rückte alsbald vor die Stadt, aus welcher Surenas durch heimlichen Hinterhalt die Ausspäher überfallen hatte, nahm sie mit Gewalt ein, und verbrannte sie. 4. Den einen der Anführer des Vortrabs aber strafte er mit Abnehmung des Gürtels1, weil er den Feinden ein Feldzeichen überlassen, und seine Rettung dem Ruhme des Römischen Namens vorgezogen hatte, und hielt ihn, nebst allen, die an seiner Flucht Theil hatten, für ehrloß. 5. Von da rückte er weiter, sezte den Zug auf dem Flusse fort, und kam zu einem Orte, in dessen Nachbarschaft eine Stadt lag, Phissenia genannt. 6. An ihrer Mauer hin lief ein Graben, den, so tief er auch war, die Perser mit Wasser anfüllten, dessen sie einen großen Theil aus dem nahen S. 259 Flusse dahin leiteten. 7. Er hieß der Königsfluß2. Die Römer eilten durch diese Stadt ― denn es war nichts Feindliches aus derselben zu fürchten ― und zogen dann über eine Gegend, die durch Kunst zu einem Sumpfe gemacht war. Denn die Perser, die den Kanal und den Fluß selbst über das Land leiteten, hatten, ihrer Meinung nach, dem Heere den Uebergang unmöglich gemacht. 8. Da aber der Kaiser vorangieng, so folgte das Heer, ob es gleich bis an die Knie einsank. Denn sie hieltens für Schande, das nicht zu thun, was sie den Kaiser thun sahen. 9. Nach Untergang der Sonne lagerte sich das Heer auf dem Platze: Julian aber befahl den Soldaten und Zimmerleuten, ihm zu folgen, hieb Bäume und Balken, brückte3 die Kanäle, warf Erde auf die Sümpfe, füllte die Tiefe der Wege aus, und erweiterte so ziemlich die engen Pässe. 10. Nun kehrte er zurück, und führte das Heer ohne Schwierigkeit vorwärts, bis er zur Stadt Bithra4 kam, wo ein königlicher Pallast und Gebäude waren, die nicht nur für den Kaiser, sondern auch für das Heer hinreichend waren.
Dieser Gürtel, den Julian dem Befehlshaber abnahm, ist also eine Art von Scherpe gewesen, und ich hätte dieses Wort gebraucht, wenn ich nicht den Vorwurf der Neologie fürchtete. Uebrigens ist mirs nicht bekannt, ob diese Stelle schon als die erste Spur vom Gebrauche der Scherpen bemerkt worden ist? Ich habe irgendwo gelesen, daß man Scherpe von dem Lat. Serpens ableitet, und die Aehnlichkeit zur Quelle angiebt. Ist es gewiß, daß man noch in der Moldau Szerpe sagt, so ist es vielleicht ein Ueberbleibsel von dem Gebrauche zur Zeit des Griech. Reichs in jenen Gegenden. Der Grieche schien für diesen Begriff des Lat. Worts Serpens kein anderes Wort zu haben, als das allgemeine ζώνη [zōnē]. ↩
Ammian nennt ihn Naarmalcha, Zosimus selbst aber III. 24, 4. Narmalache. ↩
Dieses alte, und, wie mich dünkt, gute Wort findet man in teutschen Kriegsbüchern, z. E. in Reusners Gesch. Georgs Freundsberg S. 28. u. 150. ↩
Ammian nennts Virtha, Cellarius nennts Birtha. ↩
