2.
Nun gut! Es sei dem so! Betreffs der Seele liegen sie zwar in Hader, bezüglich ihrer übrigen Verhältnisse aber stimmen ihre Aussprüche überein. Aber wie? Da bezeichnet einer das Vergnügen der Seele als ein Gut für sie, der andere als ein Übel, der Dritte als ein Mittelding zwischen Gut und Böse. Bezüglich der Natur der Seele behaupten die einen, sie sei unsterblich, andere, sie sei sterblich, andere wiederum, sie sei noch einige Zeit verweilend; einige lassen sie in Tiere übergehen, andere lösen sie in Atome auf, andere wiederum lassen sie eine Verbindung mit einem Körper eingehen, andere schließlich lassen sie eine Wanderung von S. 116 dreitausend Jahren durchmachen. Leute also, die nicht hundert Jahre leben, künden uns von dreitausend zukünftigen Jahren. Wie soll man also das nennen? Soviel mir scheint Abenteuerlichkeit, Unsinn oder Wahnwitz oder Absonderlichkeit oder alles zugleich. Wenn sie eine Wahrheit gefunden haben, so sollen sie in Übereinstimmung sich einigen und ich werde dann mit Freuden ihnen Glauben schenken. Wenn sie aber die Seele auseinander reißen und sie hin- und herzerren, der eine sie in diese Natur, der andere in eine andere, also sie von einem Stoff in einen anderen verwandelt, so muß ich zugeben, daß eine derartige Unbeständigkeit der Dinge mich ärgert. Jetzt bin ich unsterblich und freue mich darob; dann aber werde ich wiederum sterblich und weine deshalb; allsogleich löse ich mich in Atome auf, werde Wasser, werde Luft, werde Feuer; kurze Zeit darauf bin ich weder Luft noch Feuer, zum Tier macht man mich, zum Fisch; ich habe also zur Abwechslung Delphine zu Brüdern. Wenn ich mich besehe, so graut mich mein Leib und ich weiß nicht, wie ihn benennen: Mensch oder Hund oder Wolf oder Stier oder Vogel oder Schlange oder Drache oder Chimäre. Denn in alle Tiere lassen mich die Philosophen sich verwandeln: in Land- und Wassertiere, in Vögel, in Gestalt wechselnde, in wilde und zahme, stumme und lautbegabte, in vernunftlose und unvernünftige: ich schwimme, fliege, flattere, krieche, laufe, sitze. Da kommt der Empedokles und macht mich zum Strauche.
