23.
Dies bezweckt unser Zuchtmeister, das Gesetz; dies die Propheten, welche zwischen Christus und dem Gesetze lebten; dies Christus, der Vollender des geistigen Gesetzes und sein Ziel1; dies die Selbstentäußerung Gottes2, die Menschwerdung, die unerhörte Mischung von Gott und Mensch, in welchen einer aus zweien und beide durch einen sind. Zu genanntem Zwecke hat sich Gott mit dem Fleische unter Vermittlung der Seele vermischt3, sind S. 18 die Gegensätze durch das Mittelglied (die Seele), das mit dem einen und mit dem anderen verwandt ist, verbunden worden, hat sich alles um aller und um des einen Stammvaters wegen geeint: die Seele nämlich wegen der Seele, die den Gehorsam verweigert hatte, das Fleisch wegen des Fleisches, das am Ungehorsam teilgenommen hatte und verurteilt worden war4, Christus, obwohl weit erhaben über der Sünde, wegen des sündhaften Adam.
Vgl. Röm. 10, 4. ↩
Vgl. Phil. 2, 6. ↩
ἀνεκράθη [anekrathē] ― Um die enge Verbindung von göttlicher und menschlicher Natur in der einen Person Jesu zu lehren, bedient sich Gregor des Ausdruckes ἀνακεράννυμι [anakerannymi]. Zu diesem Zwecke hat er auch im vorhergehenden Satze von der „unerhörten Mischung von Gott und Mensch“ gesprochen: καινὴ μῖξις, θεὸς καὶ ἄνθρωπος[kainē mixis, theos kai anthrōpos]. Da solche termini aber irreführen und zum Monophysitismus verleiten konnten, bestimmte das Konzil von Chalzedon, die beiden Naturen seien ohne Vermischung (ἀσυγχύτως) [asynchytōs] verbunden. Daß die Verbindung ἀσυγχύτως [asynchytōs] erfolgte, betonten schon Epiphanius und Chrysostomus, besonders Amphilochius. Vgl. E. Weigl, „Christologie vom Tode des Athanasius bis zum Ausbruch des nestorianischen Streites“ S. 47, 49, 75 f. Durch den Ausdruck διὰ μέσης ψυχῆς ἀνεκράθη[dia mesēs psychēs anekrathē] wendet sich Gregor gegen die christologischen Vermischungsbestrebungen der Arianer, welche leugneten, daß der Sohn Gottes eine menschliche Seele angenommen habe. Vgl. Gregors Gedicht über die Menschwerdung gegen Apollinaris Vv. 56―61 (Migne 37, 469): „Mit einem Fleischbrocken kann Gott keine Mischung eingehen. Seele und Geist aber sind wie ein Mittleres als Genossen des Fleisches, als Bild Gottes. Dem verwandten Wesen ist beigemischt die Natur Gottes. Von hier aus hat es auch teil am Materiellen. So ist Einer Gott, der Vergöttlichende und das Vergöttlichte.“ ↩
Hier sind im Texte noch die Worte eingeschaltet: ἡ μὲν ψυχήν, ἡ δὲ σάρκα. [hē men psychēn, hē de sarka]. ↩
