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S. 227 Da wir die Übel kennen, von denen Cäsarius befreit worden ist, wollen wir nicht ihn beklagen; vielmehr uns selbst wollen wir beklagen, da wir in diesen Übeln zurückgelassen worden sind und wir deren noch viele ernten werden, wenn wir nicht in aufrichtiger Hingabe an Gott und unter Verachtung des Vergänglichen dem himmlischen Leben zustreben, wenn wir Erdenkinder nicht die Erde verlassen und allen Ernstes dem Geiste folgen, der in die Höhe führt. Solche Pflichten empfinden kleinmütige Menschen schmerzlich, starken Geistern aber erscheinen sie leicht. Doch überlegen wir nur! Cäsarius herrscht zwar nicht; aber er wird auch nicht von anderen beherrscht. Zwar flößt er niemandem Furcht ein; aber er hat auch keine strengen Gebieter zu fürchten, die oftmals gar nicht würdig sind, an der Spitze zu stehen. Zwar sammelt er keine Reichtümer; aber er braucht nicht scheel auf Neider zu schauen, und seine Seele krankt nicht an sündhafter Habgier und an dem Streben, um so mehr zu erwerben, je mehr man besitzt. Denn Reichtum ist die Krankheit, in der man unaufhörlich nach mehr verlangt und durch Trinken stets wieder neuen Durst erregt. Nicht tritt er als Redner auf; aber in Reden wird er bewundert. Nicht behandelt er die Lehren des Hippokrates und Galenos1 und nicht die entgegengesetzten Ansichten; aber fremdes Unglück bereitet ihm selbst kein Leid mehr, er steht nicht mehr unter dem schmerzenden Einfluß der Krankheiten. Nicht beweist er die Sätze des Euklid, des Ptolemäus2, des Heron3; aber er braucht sich auch nicht über den Hochmut der Ungebildeten, die alles besser wissen wollen, zu ärgern. Er schmückt sich nicht mehr mit Aussprüchen von Plato, Aristoteles, Pyrrhon4, Demokrit, Heraklit, Anaxagoras, Kleanthes und Epikur und irgendwelchen Worten der ehrwürdigen Stoa und Akademie; aber er S. 228 ist auch der Sorge enthoben, deren Lehren zu widerlegen. Was soll ich sonst noch erwähnen? Es fehlt ihm das, was allen wertvoll und erstrebenswert ist: er hat kein Weib, keine Kinder. Doch er braucht sie auch nicht zu beweinen und wird von ihnen nicht beweint; denn er braucht sie nicht zu verlassen und wird auch nicht als unglückliche Erinnerung verlassen. Er erbt keine Schätze; aber er wird beerbt und zwar von den besten, selbsterwählten Erben, um, alles bei sich führend, reich von hinnen zu scheiden. Welche Ehren! Ein neuer Trost! Starken Geistes sind die, welche darnach streben. Alle Ohren sollten auf diese Worte hören! In frommem, heiligem Gelübde wird einer Mutter Schmerz erstickt. Alle Güter ihres Sohnes, alles, was sie ihm schenken könnte, legt sie zu seinem Vorteil ihm ins Grab, und wer etwas erwartete, ging leer aus.
