VII.
Siehst du, daß, wenn auch ein Mensch von niedriger und armer Herkunft es bis zum Könige brächte, er dennoch unzufrieden sein würde, wenn man ihn nicht erst von seinen anmaßenden Gedanken zu heilen vermag. Wohlan, nun will ich dir auch das Gegentheil zeigen! Wenn du den Weisen auch von seiner Höhe herabstürzest, so wirst du dennoch ihn nicht in Gram und Trauer versetzen. Wir wollen, wenn es euch recht ist, über dieselben Stufen hinabsteigen, und uns einen Statthalter denken, der seiner Würde entsetzt ist. Dieser wird sich, wenn er so denkt, wie ich früher gesagt, darüber keineswegs kränken; denn er denkt nicht sowohl an Das, was er verloren, als an Das, was er jetzt noch besitzt, — nämlich den Ruhm, dieses Amt bekleidet zu haben. Angenommen, daß ihm auch dieser geraubt würde, so denkt er an die gemeinen Leute, die es nie zu einem S. 680 solchen Ehrenamte gebracht haben, und tröstet sich mit seinem Vermögen. Nähme man ihm auch das Vermögen, so würde er auf Jene hinschauen, die nur ein mittelmäßiges Vermögen besitzen. Nähme man ihm auch dieses und gäbe ihm nur die zum Leben nothwendige Nahrung, so könnte er an Diejenigen denken, die nicht einmal das Nothdürftige haben, sondern beständig mit dem Hunger kämpfen, und ihre Wohnung im Gefängnisse haben. Und führte man ihn auch in diese Wohnung hinein, so würde er beim Gedanken an Diejenigen, welche an unheilbaren Krankheiten leiden und die unerträglichsten Schmerzen ausstehen, es einsehen, daß er weit besser daran sei als Jene; und gleich wie der Misthändler nicht zufrieden wäre, wenn man ihn auch zum Könige machte, so würde Dieser, wenn er auch im Gefängnisse läge, sich darüber nicht grämen. Also ist weder der Reichthum die Ursache der Freude, noch die Armuth der Grund der Unzufriedenheit: der Grund liegt in unserer Gesinnung, darin, daß die Augen unseres Geistes nicht rein sind, sondern unstät nach allen Seiten bin gränzenlos ausschweifen. Und gleichwie ein gesunder Körper bei der einfachsten Nahrung sich kräftig und stark fühlt, der kränkliche aber durch die köstlichsten und verschiedenartigsten Speisen nur desto schwächlicher wird: so verhält es sich auch mit der Seele. Schwache Seelen vermögen es nicht, selbst im Besitz einer Krone und unaussprechlicher Ehren fröhlich zu sein; weise hingegen erfreuen sich selbst in Kerker, Banden und Armuth eines reinen Vergnügens. Das wollen wir also erwägen und immer auf Jene hinschauen, denen es schlimmer ergehet als uns. Denn es gibt auch noch einen andern Trost, der hohe Weisheit erfordert und über die Begriffe der Menge hinausgeht. Was ist Das für einer? Die Betrachtung, daß Reichthum, Armuth, Ehre und Schande Nichts sind, daß der Unterschied nur in einem geringen Abstand der Zeit und der Benennung besteht. Zudem gibt es noch einen andern, größern Trost, nämlich die Erwägung, daß Gutes und Böses im künftigen Leben wahrhaft gut oder böse ist. Weil aber, wie ich schon S. 681 sagte, solche Betrachtungen für Viele zu hoch sind, so war ich genöthigt, länger bei obigen Gründen zu verweilen, um auch die Schwächern allmählig zu jener Vollendung zu bringen.
Dieß alles laßt uns erwägen und uns auf alle Fälle gefaßt machen, dann wird uns kein unerwartetes Ereigniß in Trauer versetzen. Denn würden wir reiche Leute auf einem Gemälde dargestellt sehen, so würden wir sie wohl ebenso wenig, für beneidenswerth halten, als gemalte Bettler für elend und bejammernswürdig erachten; und doch sind die Reichen auf dem Gemälde dauerhafter als Jene, die unter uns leben; denn ein solches Bild dauert oft an hundert Jahre, während die dargestellte Person manchmal kaum ein Jahr die Erdengüter genießt und dann plötzlich Alles verliert. Dieß alles wollen wir bedenken und unser Herz allseitig bewaffnen gegen jene unvernünftige Trauer, damit wir das gegenwärtige Leben in Fröhlichkeit zubringen, und der zukünftigen Güter theilhaftig werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem sammt dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. S. 682