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Werke Johannes Chrysostomus (344-407) In epistulam ii ad Corinthios argumentum et homiliae 1-30 Homilien über den zweiten Brief an die Korinther (BKV)
Neunzehnte Homilie.

IV.

Dieses wollen wir in Nahrung und Kleidung, in Wohnung und allem Übrigen im Auge behalten und überall nach dem Bedürfnisse fragen. Denn das Überflüssige ist auch unvernünftig. Läßt du erst die Genügsamkeit dir angelegen sein, so wollen wir dich schon, wenn du anders der Wittwe im Evangelium nachstreben willst, zu höherer Stufe führen. Denn noch bist du über die Hochherzigkeit jenes Weibes nicht hinausgekommen, so lange das Auskommen dir Sorge macht. Jene hat sich auch über diese Sorge erhoben; denn was ihr das Leben erhalten sollte, Das hat sie alles hingegeben. Wirst du dich also ferner um das Nöthige noch ängstigen? Schämst du dich nicht, einem Weibe nachzustehen und, statt ihr nachzueifern, so weit hinter ihr zurückzubleiben? Jene Wittwe sprach nicht, was man so oft von euch hören kann: Wie aber, wenn ich Alles weggebe und dann gezwungen bin, mich an Andere zu wenden? Sie gab vielmehr großmüthig ihr Letztes hin.

Und was soll ich sagen von jener Wittwe im alten Bunde zur Zeit des Propheten Elias? Bei ihr kam nicht mehr die Armuth in Frage, sondern das sichere Sterben, und zwar nicht bloß für sich, sondern auch für ihre Kinder. Denn sie durfte nicht erwarten noch eine Gabe von Anderen zu empfangen, sondern unverzüglich zu sterben. „Aber sie sah doch einen Propheten,“ sagst du, „und Das hat sie so hochherzig gemacht.“ Seht denn nicht auch ihr unzählige Heilige? Und was sage ich Heilige? Ihr seht den Herrn der Propheten selbst bitten, und dennoch verschließt ihr eure Herzen; eure Schatzkam- S. 321 mern strömen über vor Fülle, und trotzdem fühlt ihr euch nicht bewogen, vom Überflusse zu geben? Was sagst du? Ein Prophet war der Mann, der vor ihr stand, und Das hat sie so großmüthig gemacht? Gerade Das, sage ich, verdient hohe Bewunderung, daß sie zum Glauben kam, es sei ein großer und wunderbarer Mann. Warum sprach sie nicht, was einem fremden heidnischen Weibe zu sprechen so nahe lag: Wäre Dieser ein Prophet, so würde er meiner nicht bedürfen; wäre er Gottes Freund, so würde wohl Gott für ihn sorgen? Bei den Juden mag es sein, daß sie um ihrer Sünden willen diese Strafe erleiden; was ist aber Grund und Anlaß bei Diesem? Doch von all Dem kam ihr Nichts in den Sinn; sie erschloß ihm vielmehr das Haus und noch vor dem Hause das Herz; sie suchte ihre gesammte Habe hervor, und ohne auf die Stimme der Natur zu hören, ohne auf die eigenen Kinder zu schauen, gab sie dem Fremdling vor Allen den Vorzug.

Bedenke also, welche Strafe wohl unser wartet, wenn wir einer armen, fremden, heidnischen Wittwe, die Mutter von Kindern, die Nichts von Dem wußte, was wir wissen, wenn wir, sage ich, dieser nachstehen und als minder erscheinen. Denn nicht ein starker Leib schon macht tapfer. Dieses Vorzuges kann nur Der sich rühmen, der im Innern die Quelle der Kraft hat, selbst wenn er krank auf’s Lager hingestreckt wäre. Wem aber diese geistige Kraft fehlt, der mag mit seiner Körperstärke Berge ausreissen, und er gilt mir doch nicht für starker als ein schwaches Mädchen oder eine armselige Alte. Denn der Eine vermag es auch, mit ungreifbaren Übeln zu ringen, denen der Andere gar nicht entgegen zu schauen wagt. Und damit du lernest, daß die Tapferkeit wirklich so zu verstehen sei, so brauchst du Das nur aus eben diesem Beispiele abzunehmen. Was ist wohl tapferer als jenes Weib, das dem Zwang der Natur, der Gewalt des Hungers, dem drohenden Tode so heldenmütig die Stirne bot und S. 322 über Alles sich stark erwies? Höre nur, wie Christus ihr Lob verkündet! „Viele Wittwen,“ sagt er, „gab es in den Tagen des Elias, und zu keiner wurde der Prophet geschickt, ausser zu ihr.“1 Darf ich wohl etwas Großes und Überraschendes sagen? Jene Wittwe hat für die Gastfreundschaft mehr gethan als selbst Abraham, unser Vater. Sie lief zwar nicht zur Heerde wie Abraham, aber mit ihrer Handvoll Mehl ließ sie Alle hinter sich, die jemals wegen ihrer Gastfreundschaft berühmt geworden. Wenn Abraham Das voraus hat, daß er sich selbst zu diesem Dienste erbot, so steht ihm die Wittwe darin voran, daß sie um des Fremdlings willen nicht einmal ihrer Kinder schonte, da sie doch, was kommen würde, nicht ahnen konnte.

Uns dagegen winkt von der einen Seite der Himmel, droht auf der anderen die Hölle, und was noch mehr ist, für uns hat Gott so Großes gethan, Gott, der Freude und Wohlgefallen an den Werken der Milde hat, und doch lassen wir so träge die Hände sinken. Nein doch, bitte ich, Laßt uns vielmehr ausstreuen und den Armen geben, wie man geben soll! Denn das Viel und Wenig bestimmt Gott nicht nach dem Maße des Gegebenen, sondern nach dem Vermögen des Gebers. Und oftmals hat Der, welcher einen Heller hineinlegt, mehr gegeben als du, wenn du hundert Goldstücke hineinwirfst; denn du hast von deinem Überflusse gegeben. Doch thue nur wenigstens Das, und so wirst du bald zum reichlicheren Geben gelangen. Streue Geld als Same aus, damit du Gerechtigkeit ärntest. Denn diese mag nicht mit dem Gelde bei uns sein; sie kommt wohl mittels des Geldes, aber nicht mit dem Gelde. Denn die Liebe zum Gelde und die Gerechtigkeit können nicht mitsammen wohnen; sie haben getrennt ihre Zelte.

S. 323 So mühe dich denn nicht umsonst, das Unvereinbare zu verbinden! Treibe vielmehr die tyrannische Geldliebe aus, wenn du die Königin empfangen willst! Denn die Gerechtigkeit ist die Königin, die aus Knechten Freie macht, während die Habsucht die Freien zu Knechten macht. So laßt uns denn mit allem Eifer die Habsucht fliehen und die Gerechtigkeit umfassen, damit wir schon hier die Freiheit finden und einst des himmlischen Reiches theilhaftig werden. Möge dieses uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Güte unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater zugleich mit dem heiligen Geiste Ruhm, Macht und Ehre jetzt und immer und zu ewigen Zeiten. Amen.

S. 324


  1. Luk. 4, 25. ↩

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Homilien über den zweiten Brief an die Korinther (BKV)

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