III.
Das ist der glänzende Sieg, das der Triumph der Kirche, Das schlägt den Satan zu Boden, wenn wir den Weg der Leiden wandeln. Denn unser Leiden entwaffnet ihn, und auf ihn selbst fällt das Unheil zurück, das er uns zugedacht hat. So geschah es auch damals bei Paulus; und all die Drangsale, welche der Satan über den Apostel brachte, erhöhten nur die Größe seiner eigenen Niederlage. Und wie wechselnd und vielgestaltig waren nicht die Bedrängnisse, mit denen er ihn verfolgte! Mühsal und Betrübniß, Furcht und Schmerz, Sorge und Schmach und manchmal Alles zugleich; aber den Sieg konnte er ihm nicht entreissen. Und als ob ein einziger Held, gegen den die ganze Welt in Waffen steht, mitten unter den feindlichen Schaaren furchtlos einherschritte, ohne den geringsten Schaden zu nehmen, so trat auch Paulus unter Barbaren, S. 405 unter Griechen auf, überall zu Land, überall zu Meer, ohne jemals überwunden zu werden. Und gleichwie ein Funke, der in Heu und Stroh fällt, Alles, was er ergreift, in seine eigene Natur verwandelt, so gestaltete auch Paulus Alle, denen er nahe kam, nach der Wahrheit um, indem er mit der Gewalt des Bergstromes über Alles sich ergoß und alle Hemmnisse durchbrach. Und wie ein Wettkämpfer, der im Ringen, im Laufen, im Faustkampfe geübt ist, wie ein Krieger, der sich auf den Kampf auf der Mauer, im Felde, zur See versteht, so war er mit jeder Art des Kampfes vertraut; und mit einem Leibe bezwang er die ganze Erde, und mit einer Zunge trieb er Alle in die Flucht. So erschütterten und zerstörten nicht jene Posaunen die Mauern von Jericho, wie die laute Stimme des Paulus die Bollwerke des Teufels zu Boden wirft und die Gegner zu sich in’s Lager ruft. Und dann sammelt er die Schaar der Gefangenen, waffnet sie und bildet aus ihnen wieder neue Heere und gewinnt mit ihnen wunderbare Siege.
David streckte den Goliath mit einem einzigen Steinwurfe zu Boden; betrachtet man aber die Thaten des Paulus, so ist das nur ein Kinderspiel; und so groß der Unterschied zwischen einem Hirten und Feldherrn ist, so groß wird man auch den zwischen David und Paulus finden. Dieser braucht keinen Steinwurf, um den Goliath niederzustrecken; bei ihm genügt der bloße Ruf, um die Heerschaar des Teufels zu zerstreuen. Und wie vor einem brüllenden, feuersprühenden Löwen stürzt vor ihm Alles in die Flucht. Er aber eilt unermüdlich von Ort zu Ort, fliegt wie von Winden getragen von Diesen zu Jenen, von Jenen zu Anderen und lenkt, wie wenn es ein einziges Haus, wie wenn es ein einziges Fahrzeug wäre, die gesammte Welt; er reicht den Sinkenden die Hand, stützt die Wankenden, ermuntert die Ruderer; er führt das Steuerruder, überschaut das Verdeck, spannt die Taue, zieht die Segel auf, beobachtet den Himmel, kurz, S. 406 er ist Alles in Allem, Ruderer, Steuermann und Untersteuermann, Segel und Fahrzeug; und Alles nimmt er auf sich, um nur von Anderen das Verderben zu wenden.
Erwäge nur! Er leidet Schiffbruch, um dem Schiffbruche der Welt zu steuern; er bringt Nacht und Tag in der Tiefe zu, um die Menschen aus der Tiefe des Irrthums heraufzuziehen; er lebt in Mühsal, um die Mühseligen zu erquicken; er duldet Schläge, um von den Schlägen des Teufels zu heilen; er weilt in Gefängnissen, um die in Gefängniß und Dunkelheit Schmachtenden an’s Licht zu führen; er ist in Todesnöthen oftmals, um von bitteren Todesnöthen zu erretten; fünfmal erhält er vierzig Streiche weniger einen, um die Schlagenden selbst von der Geißel des Satans zu befreien; er wird mit Ruthen gepeitscht, um (Andere) unter Christi Ruthe und Stab zu führen; er wird gesteinigt, um von der Verehrung der fühllosen Steine abzubringen; er ist in der Wüste, um von der Wüste zu erlösen; auf Wanderungen, um die Irrenden aufzuhalten und ihnen den Weg zum Himmel zu zeigen; er läuft Gefahr in Städten, um nach der Stadt dort oben den Blick zu weisen; in Hunger und Durst, um von einem schlimmeren Hunger zu befreien; in Blöße, um die Schamlosen mit dem Gewande Christi zu bekleiden; in Zusammenrottung der Menge, um aus der Umgarnung der Dämonen zu lösen; er entbrennt, um die feurigen Pfeile des Satans zu löschen; er wird durch ein Fenster von der Mauer herabgelassen, um die zu Boden Liegenden aus der Tiefe in die Höhe zu ziehen.
Werden wir da noch, frage ich, den Mund zu öffnen wagen, die wir nicht einmal wissen, was Paulus Alles erduldet hat? Werden wir noch an Hab und Gut denken? noch an Gattin, noch an Stadt und Freiheit, wenn wir den Paulus das Leben selbst unzählige Male groß- S. 407 müthig opfern sehen? Der Martryrer stirbt ein einziges Mal; dieser Selige aber hat mit einem Leibe und einer Seele eine solche Fluth von Drangsalen bestanden, daß sie auch eine Seele von Erz erschüttern könnten; und alle Martern, welche die Heiligen insgesammt in so vielen Leibern gelitten haben, hat er in einem Leibe allein ertragen; die Welt war ihm wie ein großer Kampfplatz, in den er trat, um mit Allen den Kampf aufzunehmen und gegen Alle wie ein Held zu stehen. Denn er kannte die Weise der Dämonen, mit denen er zu ringen hatte. Darum strahlte denn auch gleich von Anbeginn sein Ruhm und währte von Anfang bis zu Ende ungeschmälert fort; ja er bedrängte nur um so heftiger den Gegner, je näher ihm schon die Palme winkte.
Und Das ist erst vollends wunderbar, daß Paulus bei solchem Thun und Leiden eine solche Demuth zu bewahren wußte. Er sieht sich in die Nothwendigkeit versetzt, seine Thaten auszuführen; aber wie rasch eilt er an Allem vorüber! Und doch hätte er unzählige Bücher anfüllen können, wenn er Das, was er nur berührt hat, im Einzelnen hätte ausführen wollen, wenn er die Kirchen genannt hätte, die Gegenstand seiner Sorge waren, die Gefängnisse und die Thaten, die er in denselben vollbracht, die Gefährdungen und Angriffe, denen er ausgesetzt war. Aber er wollte Das nicht.
Da wir nun Dieses wissen, so wollen auch wir lernen, uns geziemend zu bescheiden und uns niemals des Reichthums oder der sonstigen Güter des Lebens zu rühmen; lieber wollen wir uns der Unbilden um Christi willen rühmen, und auch dieser nur, wenn die Noth uns zwingt; wo aber Nichts uns drängt, wollen wir auch von diesen schweigen und einzig nur unserer Sünden gedenken, das beste Mittel, um uns vor Überhebung zu bewahren. Denn so werden wir leicht die Sünden ablegen S. 408 und bei Gott Gnade finden und des künftigen Lebens theilhaftig werden. Möge dieses uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Güte unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater zugleich mit dem heiligen Geiste Ruhm, Macht und Ehre jetzt und immer und für ewige Zeiten. Amen.