II.
9. Denn wenn der Dienst der Verdammnis Herrlichkeit ist.
Damit erklärt er uns deutlicher, was Das heißt: „Der Buchstabe tödtet,“ nämlich daß das Gesetz, wie wir oben ausgeführt, dazu diente, die Sünde aufzuweisen, nicht sie zu bewirken. — „So ist um viel mehr der Dienst der Gerechtigkeit überreichlich in Herrlichkeit.“ Jene Tafeln konnten die Sünden nur aufweisen und strafen; dieser Dienst dagegen machte die Sünder, statte sie zu strafen, sogar gerecht; denn das war die gnadenvolle Wirkung der Taufe.
10. Ja sogar was verherrlicht war, hört in dieser Hinsicht auf, herrlich zu sein, wegen des überstrahlendem Glanzes.
Im Vorhergehenden hat Paulus gezeigt, daß auch dieser neue Dienst voll Herrlichkeit ist, und zwar voll überreichlicher Herrlichkeit. Denn die Folgerung hat nicht gelautet: „Wie sollte nicht um so mehr der Dienst des Geistes voll Herrlichkeit sein,“ sondern: „Überreichlich in Herrlichkeit,“ eine Steigerung, die in den vorangehenden Schlußfolgerungen ihre volle Begründung hat. Hier nun will Paulus die Größe dieses Vorranges zur Anschauung bringen, indem er sagt: Wenn ich diesen neuen Glanz mit jenem alten vergleiche, so hört der Glanz des alten Bundes sogar auf, ein Glanz zu sein. Jedoch will er nicht überhaupt jenen Glanz verneinen, sondern nur in Hinsicht auf die Vergleichung; darum sagt er weiter: „In dieser Hinsicht,“ das heißt mit Rücksicht auf die Vergleichung. Das ist indeß keine Herabsetzung des alten Bundes, sondern sogar eine nachdrückliche Empfehlung; denn S. 133 Vergleichungen pflegen bloß bei gleichartigen Dingen stattzufinden. Dann zieht Paulus noch einen weiteren Schluß, um den Vorzug auch von einer anderen Seite klar zu erweisen. Und diesen nimmt er von der Zeit. Er spricht:
11. Wenn aber Das, was vorübergeht, voll Herrlichkeit ist, so muß weit mehr Das,was bleibt, in Herrlichkeit sein.
Denn das Eine hat aufgehört, das Andere bleibt immerdar.
12. Da wir nun solche Hoffnung haben, so verfahren wir mit großer Freimüthigkeit.
Nachdem der Zuhörer so Großes und Herrliches vom neuen Bunde vernommen, mochte er wohl Verlangen tragen, in sichtbarer Erscheinung diesen Glanz zu schauen. Der Apostel aber verweist ihn mit einer raschen Wendung auf das künftige Leben. Darum beruft er sich auf die Hoffnung und sagt: „Da wir nun solche Hoffnung haben.“ Was ist das für eine Hoffnung? Was hat sie zum Inhalte? Daß wir größerer Dinge gewürdigt wurden als Moses, und zwar nicht wir Apostel allein, sondern auch die Gläubigen alle. — „Wir verfahren mit großer Freimüthigkeit.“ Gegen wen, sage mir? Gott oder den Schülern gegenüber? Gegen euch, unsere Schüler. Wir reden überall mit Freimuth, ohne mit Etwas zurückzuhalten, ohne Etwas zu verbergen oder zu verdunkeln; unser Wort kann Jedermann verstehen; und wir fürchten nicht, euer Auge zu blenden wie Moses das der Juden. Daß Paulus Dieses ausdrücken will, sehen wir aus Dem, was weiter folgt. Doch vorerst müssen wir den geschichtlichen Hergang erzählen, um den sich hier die ganze Darstellung bewegt. Welches ist nun dieser Vorgang? Als Moses zum zweiten Male mit den Tafeln in S. 134 der Hand vom Berge herabstieg, da ging ein eigenthümlicher Glanz von seinem Angesichte aus und leuchtete dergestalt, daß die Juden es nicht vermochten, sich ihm zu nahen, um zu sprechen, bis er einen Schleier auf sein Gesicht legte. So steht nämlich geschrieben im Buche Exodus: „Als Moses vom Berge herabkam, waren zwei Tafeln in seinen Händen; und es wußte Moses nicht, daß das Aussehen der Hülle seines Antlitzes verherrlicht war; und sie fürchteten sich ihm zu nähern. Und es rief sie Moses und redete zu ihnen. Und nachdem Moses aufgehört hatte, zu ihnen zu reden, da legte er auf sein Angesicht einen Schleier. Wenn er aber hineintrat vor den Herrn, zu reden, da nahm er den Schleier hinweg, bis er wieder herausging.“1 An diese Thatsache der heiligen Geschichte erinnert nun Paulus, wenn er sagt:
13. Und nicht, wie Moses eine Decke über sein Angesicht legte, damit die Söhne Israels nicht schauen konnten in das Ende Dessen, was verschwinden sollte.
Damit will der Apostel sagen: Wir haben nicht nötig, uns zu verhüllen wie Moses; denn ihr seid im Stande, diesen Glanz zu schauen, von dem wir umflossen sind, wenn er auch weit größer und leuchtender ist als jener. Siehst du den Fortschritt der Korinther? Im ersten Briefe hatte Paulus noch gesagt: „Milch habe ich euch gereicht, nicht kräftige Speise.“2 Hier dagegen sagt er: „Wir verfahren mit großer Freimüthigkeit.“ Und er führt den Moses auf und leitet auf dem Wege der Vergleichung die Rede fort und erhebt so den Zuhörer zu immer höherer Stufe. Und zuerst stellt er die Gläubigen über die Juden, indem er sagt: „Wir bedürfen keines Schleiers S. 135 Moses gegenüber seinem Volke;“ im weiteren Verlaufe aber erhebt er sie mit dem Gesetzgeber zu gleicher, ja zu einer noch weit höheren Würde. Doch hören wir zunächst, was unmittelbar folgt.
14. Aber verhärtet wurde ihr Sinn. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt der nämliche Schleier über der Lesung des alten Bundes, indem nicht enthüllt wird, daß er in Christus sein Ende hat.
Was will nun Paulus damit erweisen? Was nämlich damals bei Moses einmal geschehen ist, Das wiederholt sich immerfort beim Gesetze. So ist also das Gesagte nicht eine Anklage gegen das Gesetz, wie auch nicht gegen Moses, weil er damals sich verhüllte, sondern ein Vorwurf gegen die Unempfänglichkeit der Juden. Denn Moses hat seinen eigenen Glanz, aber die Juden konnten ihn nicht schauen. Was nimmt es euch daher Wunder, frägt Paulus, wenn sie diesen Glanz der Gnade nicht sehen können, nachdem sie ja den geringen Glanz des Moses nicht sahen und nicht in sein Angesicht zu schauen vermochten? Und was beirrt es euch, wenn die Juden nicht an Christus glauben, nachdem sie auch an das Gesetz nicht glauben? Denn darum blieb ihnen auch die Gnade verborgen, weil sie selbst den alten Bund und seine Herrlichkeit nicht sahen; denn des Gesetzes Herrlichkeit ist hinzulenken zu Christus.
Siehst du, wie auch hieraus der Apostel Anlaß nimmt, den stolzen Wahn der Juden zu zerstören? Sie glaubten etwas Großes vorauszuhaben, weil das Angesicht des Moses strahlte; aber Paulus benutzt gerade diesen Umstand, um ihren unempfänglichen, in’s Irdische versunkenen Sinn zu erweisen. Mögen sie nur ja nicht mit diesem Glanze prahlen! Denn was half er den Juden, die ihn nicht genießen konnten? Darum bleibt Paulus so ausführlich bei S. 136 diesem Umstande. Bald sagt er: „Der nämliche Schleier bleibt über der Lesung des alten Bundes, indem nicht enthüllt wird, daß er in Christus sein Ende hat;“ und dann wieder: „Bis auf den heutigen Tag, wenn Moses gelesen wird, liegt eine Decke auf ihrem Herzen.“ So liegt also der Schleier sowohl über der Lesung als über ihrem Herzen. Und weiter oben hieß es: „So daß die Söhne Israels nicht schauen konnten in das Angesicht des Moses, wegen des Glanzes seines Antlitzes, eines Glanzes, der zu verschwinden bestimmt war.“ Was kann man sich Armseligeres denken? Nicht einmal einen vergänglichen Glanz, einen Glanz, der in der Vergleichung ganz verschwindet, konnte ihr Blick ertragen, auch dieser mußte vor ihnen verhüllt werden, damit sie nicht schauen könnten in das Ende Dessen, was vergehen sollte, d. h. des Gesetzes, daß es ein Ende hat. — „Aber verhärtet wurde ihr Sinn.“ Und was hatte denn Dieses damals mit dem Schleier zu thun? Es zeichnete die Umrisse der Zukunft. Denn nicht bloß damals, nein, auch jetzt noch sehen die Juden nicht das Gesetz. Und die Schuld liegt bei ihnen; denn die Verhärtung des Sinnes entspringt aus dem Mangel an Gefühl und Verständniß. So sind denn wir es, die auch das Gesetz verstehen; für Jene aber liegt ein Dunkel nicht bloß über der Gnade, sondern auch über dem Gesetze.