IV.
Wenn wir in ein Gefängniß treten und die Einen von Schmutz entstellt sehen, die Andern gefesselt und hungernd, wieder Andere in Dunkelheit verschlossen, so sinkt uns das Herz, wir schaudern und thun gerne Alles, um niemals dorthin zu kommen; wenn wir aber einmal zu den Qualen der Hölle selbst geschleppt werden, wie wird uns wohl dann zu Muthe sein? Denn nicht von Eisen sind jene Bande, sondern von unauslöschlichem Feuer; auch sind Die, unter welchen wir dann stehen, nicht Unsersgleichen, so daß man sie, wie es hier oft geschieht, besänftigen könnte; nein, es sind Engel, die man gar nicht anzublicken wagt, die heftig zürnen über die Beleidigungen, die wir dem Herrn zugefügt haben. Da kann man nicht wie hier den Einen mit Geld, den Anderen mit Speise, einen Dritten mit tröstender Rede kommen sehen und sich so erleichtert fühlen; dort hat alle Nachsicht ein Ende; und wäre es Noe, wäre es Job oder Daniel und sähe die eigenen Angehörigen in der Qual, er würde nicht wagen, ihnen beizustehen. Denn auch das Mitgefühl der Natur hört dann auf. Es trifft sich ja, daß rechtschaffene Väter schlimme Söhne haben und S. 191 brave Söhne schlimme Väter; damit nun die Freude rein sei und nicht der Drang des Mitgefühls den Genuß der Seligkeit störe, so sage ich, daß auch dieses Mitgefühl erlösche, und daß die Seligen gemeinsam mit dem Herrn zürnen über ihr eigenes Fleisch und Blut. Wenn schon gewöhnliche Menschen von ihren Söhnen, die sie schlechte Wege wandeln sehen, sich lossagen und sie aus der Verwandtschaft stoßen, um wie viel mehr dann einst die Gerechten! Darum hoffe sich denn Niemand Gutes, der nicht Gutes gethan hat, und hätte er zahllose gerechte Ahnen. „Denn Jeglicher wird davontragen nach Maßgabe Dessen, was er im Leibe gethan hat.“ Hier dünkt es mir, als habe der Apostel besonders die Unzüchtigen im Auge, um ihnen auch die Furcht vor dem Jenseits zur Abschreckung vorzuhalten, doch nicht diese allein, sondern zugleich Alle, die irgend welche Sünde begehen.
So hören denn auch wir! Und glüht etwa in dir das Feuer der Leidenschaft, so stelle ihm jenes Feuer entgegen, und dieses wird alsbald erlöschen; oder willst du Ungeziemendes reden, so denke an das Knirschen mit den Zähnen, und die Furcht wird dir Zügel sein; oder befällt dich die Habgier, so höre den Richter, der also befiehlt und spricht: „Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äusserste Finsterniß;“1 und so wirst du auch diese Begierde hinaus bringen. Und bist du dem Wein ergeben und fortwährend berauscht, so höre aus jenen Reichen, der da fleht: Sende den Lazarus, daß er mit der Spitze des Fingers die glühende Zunge kühle, und es nicht erlangt; und du wirst von der üblen Gewohnheit lassen. Und liebst du die Weichlichkeit, so stelle dir die dortige Drangsal und Beklemmniß vor, und jeder Gedanke an diese wird dir vergehen; bist du aber hart S. 192 und grausam, so gedenke jener Jungfrauen, die, weil die Lampen ihnen erloschen, des Brautgemaches verlustig gingen, und schnell wirst du milde und freundlich sein. Oder bist du träg und schlaff? Denk’ an den Knecht, der sein Talent verbarg, und du wirst rühriger sein als Feuer. Oder verzehrt dich die Gier nach dem Gute des Nebenmenschen? Denke an den Wurm, der niemals stirbt, und gar leicht wirst du auch dieses Gebrechen ablegen und auch sonst Alles in Ordnung bringen; denn nichts Beschwerliches und Lästiges hat der Herr uns aufgetragen. Woher kommt es nun, daß uns die Gebote so schwer erscheinen? Von unserer eigenen Lässigkeit. Gleichwie nun selbst das scheinbar Unerträgliche gering und leicht wird, wenn wir den rechten Eifer haben, so wird uns auch das Erträgliche schwieg erscheinen, wenn wir die Hände sinken lassen.
Dieses nun wollen wir alles erwägen und nicht auf das schwelgerische Leben schauen, sondern auf die Folgen desselben: hier Unrath und Überwuchern des Fleisches, dort Wurm und Feuer; nicht auf die Habgier, sondern auf ihre Folgen: hier Sorgen und Furcht und Angst, dort unlösbare Bande; nicht auf die Ruhmsucht, sondern was aus ihr entspringt, hier Knechtschaft und Verstellung, dort unausstehliche Strafe und immerwährende Feuerqual! Wenn wir so zu uns selbst reden und mit diesen und ähnlichen Zaubersprüchen beständig unsere schlimmen Leidenschaften beschwören, so werden wir schnell die Liebe zum Gegenwärtigen austreiben und die zum Künftigen entzünden. Ja, entzünden und entflammen wir sie, diese Liebe! Denn wenn die Vorstellung der himmlischen Dinge, obgleich so dunkel, schon solche Freude gewährt, welche Glückseligkeit wird uns dann einst das klare Anschauen bringen! Selig, ja dreimal und vielmal selig Die, welche jene Güter genießen, aber bejammernswerth und dreimal unselig, die das Gegentheil davon ertragen! Damit wir nun nicht einmal S. 193 zu Diesen, sondern zu Jenen gehören, so laßt uns Tugend wählen; denn so werden wir auch der künftigen Güter theilhaftig werden! Mögen wir zu diesen gelangen durch die Gnade und Güte unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater zugleich mit dem heiligen Geiste Ruhm, Macht und Ehre jetzt und immer und für ewige Zeiten. Amen.
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Matth. 22, 13. ↩