III.
„In ungeheuchelter Liebe.“ Aus dieser Liebe entsprang alles Gute, diese machte den Apostel zu Dem, was er war, diese war auch die Ursache, daß der Geist bei ihm blieb und all’ seinen Werken Gedeihen gab.
7. Im Worte der Wahrheit.
Das versichert Paulus bei vielen Gelegenheiten, er habe sich niemals Trug und Fälschung am Worte Gottes S. 216 zu Schulden kommen lassen. — „In Kraft Gottes.“ Hier haben wir wieder ein Beispiel seiner beständigen Gepflogenheit, nicht sich, sondern Gott als den Urheber von Allem zu bezeichnen und auch die eigenen guten Werke auf Gott zurückzuführen. Er hat ja Großes von sich gesagt, wie er nämlich ein in jeder Beziehung untadeliges Leben und eine erhabene Weisheit gezeigt habe, und beeilt sich daher, dem Geiste und Gott dafür die Ehre zu geben. Denn nicht alltäglich ist Das, was er von sich gesagt hat. Ist es schon bei einem ruhigen Leben nicht leicht, immer das Rechte zu treffen und sich vor Tadel zu bewahren, so läßt sich leicht denken, welche Kraft der Seele dazu gehört, unter dem Druck so schwerer Drangsale immer in gleichem Glanze zu strahlen. Und es verdient doch wahrlich Bewunderung, daß Paulus mitten in Sturm und Wogen — ich sage nicht untadelig blieb und Alles heldenmüthig auf sich nahm, sondern daß er sogar Alles mit Freude ertrug. Das ersehen wir deutlich aus den jetzt folgenden Worten: wenn er sagt: „Durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.“ Bewundern wir da seine Seelenstärke und seinen unbezwinglichen Muth. Denn die Drangsale gelten ihm als Waffen, die ihn statt zu überwältigen sogar schützen und stärker machen. „Zur Linken“ aber nennt er Das, was nach der gewöhnlichen Anschauung schwer fällt; denn so sind eben die Dinge, die auf Lohn Anspruch geben. Weßhalb nennt er sie nun so ? Entweder mit Rücksicht auf die Vorstellung der Menge oder weil Gott befohlen hat, zu beten, daß wir nicht in Versuchung kommen.
8. Durch Ehre und Schmach, durch schlimmen und guten Ruf.
Wie? Du rechnest es dir hoch an, daß du in Ehre stehst? Ganz gewiß, antwortet Paulus. Wie erklären wir nun Das? Wenn es etwas Großes ist, Schmach zu ertragen, bedarf es dann, frage ich, nicht auch einer starken S. 217 Seele inmitten der Ehre? Ja wahrlich, eine starke, große Seele muß es sein, die sich im Glanz der Ehre nicht überhebt. Darum ist Paulus stolz auf Ehre wie auf Schmach; denn in Beiden strahlte gleichmäßig sein Ruhm. Wie wird aber die Ehre zur „Waffe der Gerechtigkeit“? Dadurch, daß Viele sich zur Frömmigkeit ermuntert fühlen, wenn sie ihre Lehrer geehrt sehen; denn die Ehre läßt auf gute Werke schließen und dient so zur Förderung der Ehre Gottes. Aber trotzdem gefällt es der göttlichen Macht und Weisheit, das Evangelium einzuführen auf Wegen, die der Aufnahme ganz entgegen scheinen. Erwäge nur! Paulus lag in Fesseln; auch Das diente dem Evangelium zur Förderung. Denn er schreibt: „Meine Lage hat dem Evangelium zur Förderung gereicht, so daß die Mehrzahl der Brüder, durch meine Bande ermuthigt, es entschiedener wagt, ohne Furcht das Wort zu verkünden.“1
„Durch schlimmen und guten Ruf.“ Wie Paulus alles Ungemach, das den Leib traf, starkmüthig ertrug, wie die Drangsale und was er sonst aufgezählt hat, so auch die Leiden, welche unmittelbar die Seele berührten; denn auch diese pflegen nicht geringen Sturm zu erregen. So verlor Jeremias, den die Menge der äusseren Drangsale nicht gebeugt hatte, den inneren Leiden gegenüber den Muth, und als er mit Schmähungen überhäuft wurde, sprach er: „Nicht fürder will ich weissagen und nicht mehr nennen den Namen des Herrn.“2 Auch David klagt oftmals über Schmach und Beschimpfung. Und Isaias gibt nach vielem Anderen auch darüber eine Mahnung, indem er sagt: „Den Hohn der Menschen fürchtet nicht, und ihre Verachtung soll euch nicht beugen.“3 Und Christus endlich spricht zu seinen Jüngern: „Wenn sie jegliches böse Wort lügend wider euch sagen, so freuet euch und frohlocket, S. 218 denn euer Lohn ist groß im Himmel!“4 An anderer Stelle heißt es: „So hüpfet auf vor Freude!“5 Nun hätte aber Christus gewiß nicht einen so großen Lohn bestimmt, wenn der Kampf nicht so schwer wäre. Auf der Folter theilt sich mit der Seele auch der Leib in die Schmerzen; denn es ist Leib und Seele zugleich in Noth; aber hier ist es die Seele allein. Viele wenigstens hat es gegeben, die durch solche Leiden zum Falle kamen und an der Seele Schaden litten. Auch dem Job schien es schwerer, die Vorwürfe der Freunde zu ertragen, als Würmer und Wunden. Denn Nichts, gar Nichts gibt es, das dem Leidenden so unerträglich wäre als ein Wort, das die Seele verwundet. Darum führt Paulus nebst den Gefahren und Mühen auch Das an, indem er sagt: „Durch Ehre und Schmach.“ Auch von den Juden wollten ja Viele wegen der Ehre vor den Menschen nicht gläubig werden. Sie fürchteten nicht etwa die Bestrafung, sondern die Ausschließung aus der Synagoge. Darum sagt Christus: „Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander empfanget?“6 Und Viele könnten wir finden, die sonst allen Schrecken die Stirne bieten, aber vor dem Götzen der Ehre sich beugen. — „Als Betrüger und als Aufrichtige,“ d. i. „durch schlimmen und guten Ruf.“ — „Als Unerkannte und Erkannte,“ d. i. „durch Ehre und Schmach.“ Denn die Einen kannten den Apostel und waren eifrig um ihn bemüht, die Anderen verlangten gar nicht darnach, ihn kennen zu lernen.
9. Als Sterbende, und siehe, wir leben.
Preisgegeben und verurtheilt zum Tode, was ebenfalls zur Schmach gehörte.