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Ähnlich verhält es sich mit dem Reichthum. Die thierischen Neigungen der Seele hegt und pflegt er, die ver- S. 772 nunftgemäßen Triebe sticht und verwundet er nach Art der Disteln. Die Distel ist ein zähes und unzartes Ding und wächst, ohne daß man sie gepflanzt hat. Wenn wir sie aber ausrotten wollen, müssen wir auch forschen, wo sie wachse. Sie findet sich an Abhängen, an steinigen, trockenen Plätzen, wo keine Feuchtigkeit ist. Ist nun ein Mensch hart und schroff, d. h. unbarmherzig, so wachsen bald Disteln in seinem Herzen. Wollen die Landleute die Distel ausrotten, so nehmen sie dazu nicht die Sicheln. Was thun sie denn sonst? Sie nehmen Feuer zu Hilfe und bringen so das Unkraut ganz und gar aus dem Erdboden. Es ist durchaus nicht hinreichend, die Pflanze nur oben abzuschneiden, weil ja sonst die Wurzel im Boden noch bleibt; es genügt auch nicht, die Wurzel aus dem Boden zuziehen, weil immer noch Fasern derselben zurückbleiben, wie auch nach Beseitigung irgend einer schlimmen körperlichen Krankheit immer noch Reste und Spuren derselben übrigbleiben. Darum muß das Feuer durch seine Hitze all jenen Saft der Disteln gleich einem Giftstoffe aus dem Schooße der Erde herausziehen. Gleichwie nämlich ein Schröpfkopf, den man auf den Körper legt, alle bösen Säfte an sich zieht, so saugt auch das Feuer alles von den Disteln herstammende Böse aus der Erde aus und reinigt sie dadurch.
Wozu aber diese Worte? Darum, weil alle Freude am Reichthum gründlich aus dem Herzen ausgerottet werden muß. Auch wir besitzen ein Feuer, welches diese böse Neigung in unserm Herzen vertilgt, das ist das Feuer des Geistes. Dieses wenn wir auf unser Herz wirken lassen, so rotten wir nicht nur die Disteln, sondern auch jede Spur und Faser derselben aus. So lange nämlich noch eine solche in der Seele zurückbleibt, ist jede Bemühung vergeblich. — Da kommt z. B. ein reicher Mann oder eine reiche Frau hieher in die Kirche. Die Anhörung des Wortes Gottes ist Nebensache. Sie kümmert sich nur darum, wie sie Aufsehen errege, wie sie mit großem Pomp und Prunk Platz nehme, wie sie alle Andern durch Kleider- S. 773 pracht übertreffe, durch Haltung, Blick und Gang Respekt einflöße. Ihre ganze Sorge nimmt nur der Gedanke in Anspruch. Hat diese oder jene mich besehen? Hat sie mich bewundert? Ist mein Putz schön? Nur darauf ist sie bedacht, daß ihr Gewand in jeder Beziehung tadellos sei. So kommt auch ein reicher Mann hieher, um sich vor dem Armen zu brüsten, um sich anstaunen zu lassen ob der Pracht seiner Gewänder, der Menge seiner Dienerschaft, welche ihn umgibt und ihm Platz macht. Denn in seinem argen Hochmuth besorgt er dieses Geschäft nicht selbst, sondern in der Ansicht, es sei dieß eines gebildeten Mannes unwürdig, überläßt er es seinen Dienern. Denn nur für niedere und ungebildete Leute passe das. Hat er nun Platz genommen, so dringen alsbald die häuslichen Sorgen auf ihn ein und lenken seine Gedanken nach allen Seiten hin ab, und der Hochmuth, der in seiner Seele wohnt, hält in ganz umfangen. Er glaubt uns und dem Volke, ja vielleicht Gott selbst einen Gefallen dadurch zu erweisen, daß er in das Haus Gottes gekommen. Wie kann aber ein so hochmüthiger Mensch jemals geistig gesunden?