11. Der Name Liebe
Und niemand glaube, daß ich den Namen »Liebe« im Gegensatz zur Heiligen Schrift preise. Denn es ist m. E. unvernünftig und verkehrt, sich nicht an die Kraft der leitenden Absicht zu halten, sondern an die Worte. Und das ist nicht die Art derer, die das Göttliche zu erkennen wünschen, sondern von Leuten, die bloße Töne aufnehmen und sie nur äußerlich bis ans Ohr gelangen lassen, ohne wissen zu wollen, was denn eine solche Rede bedeute und wie sie durch andere, gleichwertige und erklärende Worte ausgedeutet werden könne; sie hängen sich nur an die Buchstaben und unverständlichen Schriftzeichen, die unbekannten Silben und Wörter, die nicht in den geistigen Teil ihrer Seele eindringen, sondern nur draußen um ihre Lippen und Ohren summen, als sei es nicht erlaubt, die Zahl 4 durch 2 2 auszudrükken oder die kürzeste Linie durch die gerade Linie oder das Mutterland durch das Vaterland oder irgend sonst etwas durch etwas anderes, was in den meisten Teilen der Rede dasselbe bedeutet. Man muß nämlich wissen, wie es der gesunden Vernunft entspricht, daß wir Buchstaben, Silben, Wörter, Schriftzeichen und sprachliche Ausdrücke um der sinnlichen Wahrnehmung willen brauchen, und zwar so, daß die Sinne mit den sinnlichen Wahrnehmungen überflüssig sind, wenn unsere Seele sich mit ihren geistigen Tätigkeiten zu dem erhebt, was geistig erkennbar ist; und ebenso sind die geistigen Kräfte überflüssig, wenn die Seele gottähnlich geworden ist und sich durch die unerkennbare Vereinigung in augenlosen Aufschwüngen zu den Strahlen des unzugänglichen Lichtes aufschwingt. Wenn aber der Geist sich bemüht, durch die sinnenfälligen Dinge zu geistiger Schau emporzusteigen, dann sind die vorzüglichsten die deutlichsten Überschreitungen der Sinneswahrnehmungen, wie ganz genaue Worte und klare Anschauungen; denn da das, was den Sinnen gegeben ist, keineswegs klar ist, können die Sinne die sinnenfälligen Dinge dem Geist keineswegs in der rechten Weise vorstellen. Damit es aber nicht scheint, als wollte ich die Heilige Schrift verändern, in dem ich dies sage, mögen jene, die den Namen »Liebe« verdächtigen, sie selbst anhören. Sie sagt: Liebe sie, und sie wird dich behüten; umzäune sie, und sie wird dich erheben; ehre sie, damit sie dich umfasse; und was sonst noch in der Theologie der Liebe gerühmt wird.