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Da nun sprach die Jungfrau zu sich selbst, nicht als ob sie in ihrer religiösen Überzeugung irre wurde, sondern aus Besorgnis für ihre Keuschheit: Was tun? Ich stehe heute vor der Wahl: entweder Märtyrin oder Jungfrau! Eine der beiden Kronen auf unserem Haupte will man uns nicht gönnen. Doch wo der Urheber der Jungfräulichkeit verleugnet wird, kann selbst dem Namen nach von einer Jungfrau nicht die Rede sein. Wie denn Jungfrau, wenn man eine buhlerische Gottheit verehrt? Wie Jungfrau, wenn man ehebrecherische liebt? Wie Jungfrau, wenn man nach deren Liebe begehrt? Lieber noch die Jungfräulichkeit des Geistes denn des Fleisches. Beides ist, geht es an, ein Gut; geht es nicht an, mögen wir wenigstens, wenn nicht vor den S. 355 Menschen, so doch vor Gott als keusch gelten. Auch Rachab war eine Buhlerin, fand aber, nachdem sie Gott geglaubt hatte, Heil 1. Auch Judith schmückte sich, um einem Wüstling zu gefallen2; doch da sie dies um Gottes willen, nicht aus sinnlicher Liebe tat3, hielt sie niemand für eine Ehebrecherin. Das Beispiel fügte sich trefflich. Denn wenn jene, welche sich um Gottes willen preisgab, sowohl ihre Reinheit wie ihr Vaterland rettete, werden vielleicht auch wir mit der Wahrung der Religion auch die Keuschheit wahren. Hätte Judith die Unversehrtheit höher stellen wollen als die Religion, würde sie mit dem Verluste des Vaterlandes auch die Unversehrtheit eingebüßt haben.
