Edition
ausblenden
De doctrina Christiana
19.
Sed quoniam et quae sit ipsa sententia, quam plures interpretes pro sua quisque facultate atque judicio conantur eloqui, non apparet, nisi in ea lingua inspiciatur quam interpretantur; et plerumque a sensu auctoris devius aberrat interpres, si non sit doctissimus: aut linguarum illarum, ex quibus in latinam Scriptura pervenit, petenda cognitio est; aut habendae interpretationes eorum qui se verbis nimis obstrinxerunt; non quia sufficiunt, sed ut ex eis veritas vel error detegatur aliorum, qui non magis verba quam sententias interpretando sequi maluerunt. Nam non solum verba singula, sed etiam locutiones saepe transferuntur, quae omnino in latinae linguae usum, si quis consuetudinem veterum qui latine locuti sunt, tenere voluerit, transire non possunt. Quae aliquando intellectui nihil adimunt, sed offendunt tamen eos qui plus delectantur rebus, cum etiam in earum signis sua quaedam servatur integritas. Nam soloecismus qui dicitur, nihil aliud est quam cum verba non ea lege sibi coaptantur, qua coaptaverunt qui priores nobis non sine auctoritate aliqua locuti sunt. Utrum enim Inter homines, an, Inter hominibus dicatur, ad rerum non pertinet cognitorem. Item barbarismus quid aliud est, nisi verbum non eis litteris vel sono enuntiatum, quo ab eis qui latine ante nos locuti sunt, enuntiari solet? Utrum enim Ignoscere producta an correpta tertia syllaba dicatur, non multum curat qui peccatis suis Deum ut ignoscat petit, quolibet modo illud verbum sonare potuerit. Quid est ergo integritas locutionis, nisi alienae consuetudinis conservatio, loquentium veterum auctoritate firmatae.
Übersetzung
ausblenden
Vier Bücher über die christliche Lehre (BKV)
19.
Der wahre Sinn jedoch, den mehrere Übersetzer je nach ihrer persönlichen Fertigkeit und Urteilsfähigkeit S. 65auszusprechen suchen, steht nicht sicher fest, wenn er nicht in der Ursprache eingesehen wird; sehr häufig verfehlt ein Übersetzer den richtigen Sinn, wenn er nicht sehr gelehrt ist. Daher muß man die Kenntnis jener Sprachen, aus denen die Heilige Schrift ins Lateinische übersetzt wurde, zu erlangen suchen oder man muß sich wenigstens an die Arbeiten solcher Übersetzer halten, die sich wörtlich an ihre Vorlage gehalten haben. Allerdings sind solche (wörtliche) Übersetzungen ungenügend, aber sie dienen doch dazu, Wahrheit oder Irrtum derjenigen aufzudecken, die mehr nach dem Sinn als nach dem Wortlaut übersetzen wollten. Oft werden nämlich nicht allein die einzelnen Worte, sondern auch die Satzverbindungen (des Urtextes wörtlich) übertragen, die durchaus nicht in den lateinischen Sprachgebrauch übergehen können, wenn anders einer den herkömmlichen Stil der bisherigen lateinischen Schriftsteller beibehalten will. Eine solche wörtliche Übertragung ist manchmal dem Verständnis nicht gerade hinderlich, aber sie stört doch solche Leser, denen aus dem Inhalt ein Mehr an Freude erwächst, wenn sich auch dessen sprachliche Fassung eine gewisse Reinheit bewahrt hat. So versteht man unter dem sogenannten Soloecismus1 nichts anderes, als wenn man die Worte nicht nach den Sprachgesetzen aneinanderfügt, nach denen sich diejenigen richteten, deren Sprachgebrauch ehedem bei uns in einigem Ansehen stand. Ob einer z. B. sagt: „unter den Menschen“ oder „unter der Menschen“, das ist für den gleichgültig, der sich bloß um den Inhalt kümmert. Was ist schließlich auch Barbarismus anderes, als wenn man ein Wort mit anderen Buchstaben schreibt oder mit einer anderen Betonung ausspricht, als man es bisher im Lateinischen auszusprechen pflegte. Ob man z. B. ignoscere (das lateinische Wort für „Verzeihung“) in seiner dritten Silbe lang oder kurz ausspricht, das bekümmert jenen nicht viel, der Gott um „Verzeihung“ seiner Sünden bittet, S. 66mag man nun das (lateinische) Wort für Verzeihung mit was immer für einer Betonung aussprechen. Was versteht man also unter Reinheit der Aussprache anderes, als die Beobachtung der durch das Ansehen der alten Schriftsteller bekräftigten Gewohnheiten (des Lateinsprechens)?
-
Unter Solözismen versteht man vor allem Fehler gegen die Satzkonstruktion; angeblich kommt der Name von der kilikischen Stadt Soloi, deren Einwohner ein schlechtes Griechisch gesprochen haben sollen. ↩