15. Von wem sollen wir den Weg der Vollkommenheit lernen?
Wenn wir daher zur wahren Vollendung der Tugenden in Wirklichkeit und in der That gelangen wollen, so müssen wir auf jene Lehrer und Führer hören, die nicht in eitler Rede von ihr träumen, sondern sie in der That und Übung erfassen und darum auch uns dieselbe lehren und uns zu ihr hinführen und den Weg, auf dem wir zu ihr gelangen, auf sicherem Pfade zeigen können; bezeugten sie ja doch, mehr durch vertrauensvolle Hingabe an Gott als durch das Verdienst ihrer Werke zur Vollkommenheit gelangt zu sein. S. 253 Ihnen verlieh auch die Reinheit ihres Herzens diesen Vorzug, mehr und mehr zu erkennen, daß sie von ihren Sünden niedergedrückt würden. Denn in dem Maße mehrte sich in ihnen täglich der Schmerz über ihre Vergehen, als die Reinheit des Herzens Fortschritte machte und stets aus der Tiefe ihres Herzens Seufzer emporstiegen, weil sie fühlten, wie sie nicht selbst die Brandmale und Flecken der Sünden zu meiden im Stande seien, welche ihnen durch vielfache kleinliche Gedanken eingebrannt wurden. Und deßwegen hofften sie den Lohn des künftigen Lebens nicht von dem Verdienste ihrer Werke, sondern von Gottes Barmherzigkeit. Im Gegensatz zu Andern legten sie auf die innere Wachsamkeit gar kein so großes Gewicht, da sie ja auch diese nicht ihrer Bemühung, sondern Gottes Gnade zuschrieben; und nicht huldigten sie der Nachläßigkeit der Niederen und Lauen, sondern suchten vielmehr aus der Betrachtung Jener, die sie wahrhaft von Sünden frei und im Himmelreich schon im Genusse der ewigen Glückseligkeit wußten, beständige Demuth, und wandten sie durch diese Betrachtung sowohl den Sturz des Hochmuthes ab, wie sie auch immer ein Ziel ihres Strebens und einen Grund zur Betrübniß fanden; denn sie erkannten, daß sie zur ersehnten Herzensreinheit bei dem Widerstand, den die Last des Fleisches leistet, nicht selbst gelangen könnten.
