32. Wie man die Hoffart, die Verwüsterin aller Tugenden, durch wahre Demuth vernichten kann.
Darum strebe der Streiter Christi, der den geistigen Kampf rechtmäßig zu kämpfen und vom Herrn gekrönt zu werden verlangt, auch dieses gar wilde, alle Tugenden verschlingende Unthier auf alle Weise zu tödten; denn er kann sicher erwarten, daß, solange dieses in seiner Brust wohnt, er nicht bloß von keiner Sünde frei sein kann, sondern, wenn er auch einige Tugend zu besitzen scheint, dieselbe durch dieses Unthieres Gift zu Grunde geht. Denn unmöglich kann in unserer Seele das Gebäude der Tugenden sich erheben, wenn nicht vorher in unserm Herzen das Fundament einer wahren Demuth gelegt worden ist, das, gehörig befestigt, die Spitze der Vollkommenheit und Liebe zu stützen vermag, so zwar, daß wir vor Allem gegen unsere Mitbrüder eine wahre, in dem innigsten Gefühle unseres Herzens begründete Demuth hegen, indem wir uns nie erlauben, sie irgendwie zu betrüben oder zu verletzen. Allein Dieß S. 270 werden wir nimmer zu erfüllen im Stande sein, wenn nicht eine wahre Entsagung, die in der gänzlichen Losschälung von allen irdischen Gütern besteht, durch die Liebe Christi in uns begründet ist und wir dann das Joch des Gehorsams und der Unterwerfung mit einfältigem Herzen und ohne alle Verstellung auf uns genommen haben, so daß ausser dem Befehle des Abtes gar kein Wille mehr in uns lebt. Dieß aber kann nur von Jenem beobachtet werden, der sich nicht nur dieser Welt abgestorben glaubt, sondern sich auch für unklug und thöricht hält, der Alles, was ihm die Vorgesetzten auftragen, ohne je darüber nachzudenken, verrichtet und es geheiligt und von Gott selbst befohlen glaubt.
