9. Die Novizen dürfen ihrem Vorsteher keinen ihrer Gedanken vorenthalten.
S. 65 Vermittelst dieser Anordnungen ist man bestrebt, gleichsam von Buchstabe zu Buchstabe und von Silbe zu Silbe die Novizen in der Vollkommenheit zu unterweisen und zu derselben heranzubilden. Denn so kann man leicht unterscheiden, ob dieselben in einer falschen und eingebildeten oder wahren Demuth begründet sind. Um leichter zu diesem Ziele gelangen zu können, leitet man sie allmälig an, durchaus keinen Gedanken, der ihr Herz beunruhigt, aus verderblicher falscher Scham zu verheimlichen, sondern, sobald ein solcher aufsteigt, ihn sofort dem Oberen zu offenbaren. Das Urtheil über einen solchen Gedanken aber sollen sie nicht dem eigenen Ermessen anheimstellen, sondern das für gut und bös halten, was der Obere nach sorgfältiger Prüfung als solches erkannt und erklärt hat. Auf diese Weise gelingt es der Schlauheit des bösen Feindes niemals, den Jüngling wie einen Unerfahrenen und Unwissenden zu umstricken. Denn schon im Voraus sieht er ihn nicht durch seine, sondern des Vorstehers Klugheit gewappnet, sieht seinen teuflischen Rath, alle Einflüsterungen, die er brennenden Pfeilen gleich in des Jünglings Herz schleudert, seinen Oberen zu verheimlichen, vereitelt. Nur dann, wenn es dem schlauen Satan gelingt, den Novizen entweder aus Stolz oder aus Scham zum Verschweigen seiner Gedanken zu verlocken, wird er ihn zu täuschen und zum Falle zu bringen vermögen. Man hält es nämlich für ein allgemeines und unzweideutiges Zeichen eines vom Teufel eingegebenen Gedankens, wenn man ihn dem Vorsteher zu entdecken sich schämt.
