2. Obwohl alle Menschen die Ursachen ihrer Fehler in sich tragen, so sind doch nicht alle mit denselben bekannt und bedürfen deßhalb zur Erkenntniß derselben göttlicher Hilfe.
So bekannt uns allen nach der Unterweisung der Vorgesetzten die Ursachen dieser Leidenschaften sind, so unbekannt sind sie uns allen, bevor man sie uns aufdeckt, trotzdem daß wir alle von ihnen beunruhigt werden und sie uns innewohnen. Jedoch hoffen wir zuversichtlich, sie wenigstens einigermaßen darlegen zu können, wenn durch eure Fürbitte jenes an Isaias gerichtete Wort des Herrn auch zu mir gesprochen würde: „Ich werde vor dir hergehen und die Mächtigen der Erde demüthigen, (ich werde) eherne Pforten sprengen und eiserne Riegel zerbrechen; ich öffne dir versteckte Wissenschaft und Geheimnisse der Verstecke.“1 So möge das Wort des Herrn auch vor uns hergehen und zuerst S. 97 die Mächtigen unserer Erde demüthigen, d. h. eben diese schädlichen Leidenschaften, die wir niederzukämpfen wünschen, welche die grausamste Herrschaft und Tyrannei in unserm sterblichen Leibe sich anmaßen; es möge dieselben zwingen, sich von uns erforschen und schildern zu lassen; es möge die Pforten unserer Unwissenheit sprengen und die Riegel der uns die wahre Wlssenschaft verschließenden Laster zerbrechen, möge uns hinführen zu den Geheimnissen unserer Verstecke und nach des Apostels Wort2 uns das Verborgene der Finsterniß erhellen und offenbar machen die Absichten der Herzen. Wenn wir so in die häßliche Finsterniß der Sünde mit den reinsten Augen des Geistes eindringen, können wir dle Leidenschaften offenbar machen und an’s Tageslicht bringen, können lhre Ursachen und ihr Wesen Jenen erklären, die von ihnen frei oder gebunden sind. So werden wir nach dem Propheten3 durch das Feuer der Laster wandeln, das unsere Seele so grausam brennt, und zugleich auch durch das Wasser der die Laster auslöschenden Tugenden unverletzt hindurchgehen, und von dem Thau der geistigen Heilmittel erfrischt verdienen wir zur Erquickung der Vollkommenheit geführt zu werden.
