38. Die Menschwerdung.
Damit dir aber nicht etwa Bedenklichkeit aufsteige, warum wir den, der vor der Welt aus Gott geboren ist, Jesus Christus nennen, der vor dreihundert Jahren vom Menschen geboren wurde, so will ich dir das Verhältnis kurz auseinandersetzen. Christus ist zugleich Sohn Gottes und Sohn des Menschen. Denn er hat eine zweifache Geburt: die erste ist von Gott im Geiste vor Entstehung der Welt; die zweite ist aus dem Menschen im Fleische unter der Herrschaft des Augustus. In dieser Menschwerdung liegt ein herrliches und erhabenes Geheimnis, auf dem das Heil der Welt, die Religion des höchsten Gottes und die ganze Wahrheit beruht. Denn von der Zeit an, wo sich die ruchlosen und unseligen Götterdienste durch tückische Kunstgriffe der Dämonen eingeschlichen hatten, verblieb nur bei den Hebräern allein die Verehrung des wahren Gottes; diese behielten den ererbten Gottesdienst, den sie nicht durch ein Gesetz überkommen, sondern durch Überlieferung fortgepflanzt hatten, nach väterlicher Sitte bei bis zur Zeit, wo sie unter Führung des Moses, des ersten der Propheten, aus Ägypten zogen; durch Moses hat ihnen dann S. 174 Gott das Gesetz auferlegt. Diese, die in der Folge Juden genannt wurden, oblagen also dem Dienst Gottes unter den Banden des Gesetzes. Aber auch sie irrten allmählich zu unheiligen Gebräuchen ab und gewährten fremden Göttern Eingang; sie verließen den väterlichen Gottesdienst und opferten empfindungslosen Bildern. Darum schickte Gott Propheten an sie, die von göttlichem Geiste erfüllt waren; diese mußten ihnen die Sünden vor Augen halten, um sie zur Sinnesänderung zu bewegen; sie mußten ihnen mit kommender Rache drohen und ihnen ankündigen, wenn sie bei ihren Verirrungen beharrten, so würde Gott einen neuen Gesetzgeber schicken, der dem undankbaren Volke das Erbe entziehen und ein anderes, treueres Volk von den auswärtigen Stämmen um sich versammeln würde. Aber die Juden verblieben nicht nur bei ihrer Untreue, sondern töteten auch noch die Boten, die Gott zu ihnen sandte. Daher sprach Gott das Urteil über sie wegen ihrer Missetaten und schickte fürder keine Propheten mehr zum widerspenstigen Volke; Gott schickte vielmehr seinen Sohn, um die Völker insgesamt zur Gnade Gottes zu berufen. Doch schloß er die Juden trotz ihrer Pflichtvergessenheit und Undankbarkeit nicht von der Hoffnung des Heiles aus, sondern schickte gerade an sie zunächst den Sohn; würden sie vielleicht willfährig sich zeigen, so sollten sie die empfangene Gabe nicht verlieren; würden sie aber ihren Gott nicht aufnehmen, dann sollten sie des Erbes für verlustig erklärt und die Heiden zur Kindschaft Gottes berufen werden. Daher befahl der höchste Vater dem Sohn, auf die Erde herabzusteigen und menschlichen Leib anzunehmen, um in der Leidensfähigkeit des Fleisches Tugend und Geduld nicht bloß in Worten, sondern auch in Werken zu lehren. So ward er also als Mensch ohne Vater wiedergeboren aus der Jungfrau; und gleichwie er bei der ersten geistigen Geburt aus Gott allein gezeugt und zu Heiligem Geiste geworden ist, so sollte er bei der zweiten fleischlichen Geburt aus der Mutter allein geboren und zu heiligem Fleische werden, damit durch ihn das Fleisch, das der Sünde anheimgefallen war, vom Untergange gerettet würde.
