Erster Artikel. Der menschliche Akt, insoweit er gut oder schlecht ist, trägt den Charakter des Tugendhaften oder der Sünde.
a) Für das Gegenteil scheint geltend gemacht werden zu können: I. „Sünden sind dasselbe was Ungeheuer in der Natur,“ sagt Aristoteles. (2 Phys.) Ungeheuer aber sind keine Thätigkeiten oder Handlungen, sondern Dinge, die außerhalb der kraft der Natur festgesetzten Ordnung erzeugt worden. Was aber gemäß der Kunst und gemäß der Vernunft sich vollzieht, ahmt nach, was gemäß der Natur ist. Also eine Thätigkeit hat deshalb noch nicht den Charakter der Sünde, daß sie der Regel entbehrt und schlecht ist. II. „Sünde,“ so 2. Phys., „findet sich dann in der Natur und in der Kunst, wenn nicht zum beabsichtigten Zwecke gelangt wird.“ Die Güte und Bosheit der menschlichen Thätigkeit aber besteht zumal in der auf den Zweck gerichteten Absicht und im Verfolgen dieser Absicht, nicht gerade im Erreichen derselben. Also die Bosheit in einem Thätigsein schließt keine Sünde ein. III. Soll das Übel im Thätigsein den Charakter der Sünde zur Folge haben, so wäre überall, wo ein Übel wäre, auch Sünde. Das ist aber falsch. Denn die Strafe hat den Charakter des Übels, jedoch nicht den der Sünde. Daraus also, daß eine Thätigkeit vom Übel ist, folgt nicht, daß sie zugleich Sünde sein muß. Auf der anderen Seite hängt die Güte des moralischen Aktes hauptsächlich vom ewigen Gesetze ab; und die Bosheit besteht also im Abweichen vom ewigen Gesetze. Das aber ist die Sünde; nämlich: „etwas Gesprochenes, Begehrtes, Gethanes gegen das ewige Gesetz.“ (Aug. 22. contra Faustum 27.)
b) Ich antworte, daß „Übel“ eine umfassendere Bedeutung hat, wie „Sünde“; und ebenso „gut“ mehr sagen will als „tugendhaft“. Denn jeglicher Mangel an Gutem, worin auch immer er sei , stellt ein Übel vor; während die Sünde eigentlich jenes Thätigsein ist, welches auf einen Zweck hin gerichtet erscheint, jedoch nicht der gebührenden Regel folgt, um diesen Zweck zu erreichen. Die gebührende Ordnung nun zum Zwecke hin regelt sich nach einer gewissen Richtschnur; und zwar ist im Bereiche der bloßen Natur diese Richtschnur die Kraft der Natur im Dinge selbst, welche zu einem bestimmten Zwecke hinneigt. Wann also eine Thätigkeit von der Kraft der Natur in einem Dinge ausgeht gemäß der natürlichen zweckdienlichen Hinneigung zum Zwecke, dann wird die Geradheit in solcher Thätigkeit gewahrt; denn was in der Mitte ist verläßt da nicht die Ordnung, welche das natürliche Princip der Thätigkeit zum natürlichen Zwecke hin einhält; von Anfang bis Ende bleibt die Thätigkeit treu der Natur. Verläßt.aber eine Thätigkeit die vom wirksamen natürlichen Princip im Dinge vorgeschriebene Ordnung, so beginnt das Wesen der Sünde. In jenen Wesen jedoch, welche durch den freien Willen gelenkt werden, ist die nächste Regel die Vernunft; die höchste Regel ist das ewige Gesetz. So oft also die menschliche Thätigkeit zum Zwecke hin gerichtet ist gemäß der Ordnung der Vernunft und des ewigen Gesetzes; ist die Thätigkeit eine rechte oder tugendhafte; — so oft diese Regel verlassen wird, ist Sünde da. Offenbar aber ist schlecht jeder freiwillige Akt, der von der Ordnung der Vernunft und des ewigen Gesetzes abweicht; und jeder Akt ist gut, der damit übereinstimmt. Also jeder menschliche Akt hat, insoweit er gut oder schlecht ist, den Charakter des Geraden, Tugendhaften oder der Schuld, der Sünde.
c) I. Ungeheuer werden die Sünden genannt, insofern die Ungeheuer Folgen einer Sünde sind, welche in der Thätigkeit der Natur sich findet. II. Doppelt ist der Zweck: ein letzter und ein nächster. In der Sünde der Natur nun fällt die Thätigkeit ab vom letzten Endzwecke, der vorlag, der da ist: die Vollendung des erzeugten Gegenstandes; — nicht aber fälltdie Thätigkeit der Natur ab von irgend welchem zunächstliegendem Zwecke, denn die Natur formt durch ihre Thätigkeit doch immerhin irgend etwas. Ähnlich ist in der Sünde des Willens immer ein Abfallen vom letzten Endzwecke; denn kein schlechter Akt, der vom Willen ausgeht, ist der Beziehung zum letzten Zwecke fähig. Jedoch einen nächsten Zweck erreicht der Sünder. Da also die Absicht selber, welche auf diesen nächsten Zweck gerichtet erscheint, Beziehung haben kann zum letzten Zwecke, so kann in der Absicht selber, soweit sie auf den nächsten Zweck gerichtet ist, der Grund gefunden werden für das Rechte oder Gerade und für die Sünde. III. Jegliches Wesen hat geordnete Beziehung zum Zwecke vermittelst seiner Thätigkeit; und deshalb ist die Natur und der innere Grund der Sünde, welche ja in der Abweichung von der geordneten Beziehung zum Zwecke besteht, recht eigentlich in der Thätigkeit gelegen. Die Strafe aber hat zum Gegenstande die sündigende Person.
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