Achter Artikel. Ärger, Wahnsinn, Wut sind die Gattungen des Zornes nach Damascenus. (2. de orth. fide 16.)
a) Dagegen spricht: I. Diese drei Dinge sind nicht ihrer inneren Natur nach, sondern nur auf Grund von Äußerlichem voneinander geschieden: „Ärger“ nämlich oder Galle wird als Zorn bezeichnet, weil die Galle das Princip des Zornes ist; „Wahnsinn“, sofern der Zorn andauert; „Wut“ aber ist Zorn, soweit er die Zeit zur Rache inne hält. So aber scheidet man keine Gattungen. II. Cicero sagt (4 Tuscul.): „Erglühen heißt griechisch θυμός und ist Zorn, soweit er bald entsteht und bald wieder vergeht.“ Θυμός aber nach Damascenus wäre furor, Wut. Also die Wut sucht nicht nach der Zeit, die für die Rache passend ist; vielmehr vergeht sie mit der Zeit. III. Gregor der Große (moral. 21, 4.) nimmt drei Grade des Zornes an: Zorn ohne Worte, Zorn mit Worten, Zorn mit ausdrücklichen Worten; und er thut dies gemäß Matth. 5, 22. Da heißt es: „Wer seinem Bruder zürnt — das ist Zorn ohne Worte: Wer zu seinem Bruder sagt Raca — das ist Zorn mit Worten, aber nicht recht ausdrücklich formiert: Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr — das ist ein Wort gemäß vollendeter Rede.“ Also genügt die Einteilung des Damascenus nicht. Auf der anderen Seite steht die Autorität des Damascenus und Nyssenus.
b) Ich antworte; die drei angegebenen Gattungen des Zornes werden von dem hergenommen, was dem Zorne eine gewisse Vermehrung giebt. Das geschieht in dreifacher Weise: 1. Infolge der Leichtigkeit der Bewegung; und das nennt er „Galle“, weil diese schnell entzündet wird; — 2. infolge der Trauer, welche den Zorn verursacht und die lange in der Erinnerung bleibt; und das gehört zum „Wahnsinn“, welcher vom Wähnen, was vom Gedächtnisse kommt, genannt wird; — 3. infolge der Rache, welche der Zornige begehrt; und das bezeichnet er als „Wut“, welche nicht ruht, bis die Strafe erfolgt ist. Aristoteles nennt demgemäß (4 Ethic. 5.) die einen unter den Zornigen: die Heftigen, weil sie schnell in Zorn geraten; die anderen die Bitteren, weil sie lange am Zorne festhalten; die dritten die schwer zu Besänftigenden, weil sie nicht ruhen, bis sie gestraft haben.
c) I. Von wo dem Zorne eine Vollendung zuwächst, das ist nicht rein äußerlich für denselben; und deshalb kann man danach ganz wohl die betreffenden Gattungen unterscheiden. II. Das „Erglühen“, excandiscentia, gehört mehr zur ersten GattungZorn, welche durch die Schnelligkeit vollendet wird, wie zur Wut. Zudem kann die Wut gut Beides vereinigen: die Schnelle in der Rache und die Festigkeit des Vorsatzes, zu strafen. III. Jene drei Grade Gregors werden unterschieden gemäß den Wirkungen des Zornes.
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