Erster Artikel. Der Zorn bewirkt Ergötzung.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Die Traurigkeit schließt das Ergötzen aus. Der Zorn ist aber immer verbunden mit Traurigkeit; weshalb Aristoteles (7 Ethic. 6.) sagt: „Wer etwas auf Grund des Zornes thut, der thut es in Traurigkeit versetzt.“ II. Ebenso sagt der nämliche (4 Ethic. 5.): „Die Strafe beruhigt denUngestüm des Zornes und verbreitet Ergötzen anstatt Trauer.“ Also erst wenn der Zorn durch die Strafe gestillt und somit vorüber ist, kommt Ergötzen. III. Keine Wirkung kann ein Hindernis sein für die Ursache. Die Ergötzlichkeiten aber hindern den Zorn. (2 Rhet. 3.) Auf der anderen Seite führt Aristoteles (l. c. 2.) das Sprichwort an: „Der Zorn, weit süßer als herabträufelnder Honig, wächst in der Brust der Männer.“
b) Ich antworte, die Ergötzlichkeiten, zumal die körperlichen und sinnlichen, sind Heilmittel gegen Trauriges. Und deshalb wird, wenn durch irgend welche Ergötzlichkeit das Heilmittel gegen eine größere Angst und Trauer gereicht wird, diese Ergötzlichkeit mehr gefühlt; wie das Trinken angenehmer wird, wenn jemand großen Durst gehabt hat. Die Zornbewegung aber entspringt aus einem Unrecht, was betrübt hat; und dieser Trauer ersteht ein Heilmittel in der Rache. Deshalb folgt Ergötzen bei der Vergegenwärtigung der Rache und um so größer wird dasselbe sein, je tiefer die Traurigkeit war. Ist nun die Rache thatsächlich gegenwärtig, so vollzieht sich vollkommenes Ergötzen, was den Ausschluß jeder Trauer bedeutet; und so hört auf die Bewegung des Zornes. Bevor jedoch die Rache wirklich gegenwärtig wird, ist sie gegenwärtig einmal vermittelst der Hoffnung; denn nur, wer auf Rache hofft, der zürnt; — dann vermittelst des fortgesetzten Denkens daran; denn einem jeden, der etwas begehrt, ist es angenehm, im Angedenken an das, was er begehrt, zu verweilen, weshalb ja auch die Einbildungen im Schlafe Ergötzen verbreiten. Da also der Zürnende in seinem Geiste viel an die Rache denkt, ergötzt er sich dabei; jedoch ist dieses Ergötzen nicht jenes vollkommene, von dem die Trauer und damit der Zorn hinweggenommen wird.
c) I. Nicht über ein und dasselbe freut sich und trauert der Zornige. Er trauert über die angethane Verletzung; er freut sich im Gedanken an die Rache und in der Hoffnung auf dieselbe. Die Trauer also ist die Quelle des Zornes, das Ergötzen seine Wirkung oder sein Zielpunkt. II. Das betrifft die wirkliche Gegenwart der Rache, welche den Zorn fortnimmt und vollkommenes Ergötzen verbreitet. III. Ergötzlichkeiten, die vorhergehen, hindern, daß Trauer folgt und hindern somit den Zorn; aber die Ergötzung an der Rache folgt dem Zorne.
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