Vierter Artikel. Die theologische Tugend und die Mitte.
a) Die theologische Tugend besteht in der Mitte. Denn: I. Das Gute der anderen Tugenden liegt in der Mitte und besteht eben darin; die theologische Tugend aber überragt an Güte alle übrigen. II. Die Mitte der moralischen Tugend wird geregelt durch die Vernunft, die Mitte der Tugend in der Vernunft durch die Sache selbst. Die theologische Tugend aber vollendet den Willen und die Vernunft. Also steht auch sie in der Mitte. III. Die Hoffnung, eine theologische Tugend, ist in der Mitte zwischen Verzweiflung und freventlichem Übermute. Der Glaube steht in der Mitte zwischen den entgegengesetzten Ketzereien. (Boëtius de duab. nat.) Also steht die theologische Tugend in der Mitte. Auf der anderen Seite kann man bei allen Tugenden, wo eine Mitte ist, sündigen durch das „zu viel“. Das ist aber nicht möglich mit Rücksicht auf Gott, von dem Ekkli. 43. es heißt: „Er ist größer als alles Lob.“
b) Ich antworte, die Regel der theologischen Tugenden sei eine doppelte: die eine gemäß dem Wesen und der Natur der Tugend und diese ist Gott selber; denn unser Glaube wird geregelt durch die göttliche Wahrheit, die Liebe durch die Güte Gottes, die Hoffnung durch die Größe seiner Allmacht und seines Wohlwollens. Diese Regel nun ist weit über alles menschliche Können, da niemals der Mensch Gott so lieben, Ihm so glauben, auf Ihn so hoffen kann, wie Gott es verdient und wie der Mensch müßte; da ist also nie ein „zu viel“. Die andere Regel ist von unserer Seite; denn, obgleich wir uns nie in so hohem Grade zu Gott hinwenden können, wie wir müßten, müssen wir doch glauben, hoffen, lieben nach dem Maße, wie es unsere Verhältnisse zulassen. Somit kann eine Mitte in den theologischen Tugenden und ein Äußerstes beobachtet werden, nach dieser Seite hin, von uns nämlich aus.
c) I. Die Mitte, welche den Tugenden in der Vernunft und den moralischen entspricht, kann man überschreiten; was bei den theologischen Tugenden nicht statthat. II. Diese selben Tugenden vollenden die Vernunft und das Begehren gemäß einer geschaffenen Regel; die theologischen Tugenden aber mit Beziehung auf die ungeschaffene. III. Die Hoffnung steht in der Mitte zwischen Verzweiflung und freventlichem Übermute von uns aus, insoweit nämlich jemand von Gott ein Gut hofft, welches die Verhältnisse des Hoffenden übersteigt, wie z. B. Verzeihung der Sünde, ohne daß er bereut oder indem er weiter sündigt; — oder indem er nicht hofft, was er in seinen Verhältnissen hoffen könnte, Verzeihung z. B. auf Grund der Reue. Von seiten Gottes her kann kein Übermaß in die Hoffnung kommen; denn Er ist die unendliche Güte. Auch der Glaube steht in der Mitte zwischen entgegengesetzten Ketzereien; nicht mit Rücksicht auf Gott, dem man nicht zu viel glauben kann, sondern insofern die menschliche Meinung zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen die Mitte hält.
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