Neunter Artikel. Die heilige Schrift gebraucht mit Recht Bilder und Figuren.
a) Dieser Gebrauch scheint nicht gerechtfertigt werden zu können. Denn: I. kann jener Wissenschaft, welche den höchsten Platz beansprucht, nicht das gebühren, was der niedrigsten eigen ist. Der Gebrauch verschiedener Gleichnisse und Figuren aber ist der niedrigsten aller Wissenschaften eigen, nämlich der Poetik. Also scheint dies von der höchsten ausgeschlossen werden zu müssen; II. wird durch einen solchen Gebrauch die Wahrheit verborgen, so daß nur der tiefer Blickende sie wahrnimmt. Dagegen ist es die Aufgabe der heiligen Wissenschaft, die Wahrheit gemeinverständlich zu offenbaren; und denen, welche dieser Aufgabe gerecht werden, ist Belohnung verheißen, wie Ekkli. (24, 2l) sagt: „Die mich offenbar machen, werden das ewige Leben besitzen;“ III. erscheint es durchaus passend, daß, um das Göttliche zu er klären, die erhabensten Kreaturen, soweit man sie erreichen kann, benützt würden; denn sie sind Gott ähnlicher, haben deshalb mehr von Göttlichem in sich und können somit das Göttliche auch besser erklären. Solche Bilder und Figuren in der heiligen Schrift aber sind vorzugsweise aus den niedrigsten Geschöpfen und geschöpflichen Verhältnissen entnommen. Auf der anderen Seite sagt der Prophet Oseas (12, 10.): „Ich habe ihnen vervielfältigt die Gesichte und Erscheinungen und vermittelst der Propheten habe ich ihnen Ähnlichleiten meines Seins gezeigt.“ Lehren aber etwas in Gesichten, Erscheinungen und vermittelst Ähnlichkeiten heißt nichts anderes als Bilder und Figuren gebrauchen. Also erscheint für die Theologie der Gebrauch von Bildern und Figuren als gelechtfertigt.
d) Ich antworte, daß es durchaus passend ist, wenn die heilige Schrift oder überhaupt die heilige Wissenschaft Göttliches und Geistiges unter dem Bilde körperlicher Dinge lehrt. Denn Gott sorgt für alle seine Kreaturen gemäß der Natur einer jeden. Es ist aber für die Natur des Menschen ganz und gar angemessen, daß er an der Hand des sinnlich Wahrnehmbaren emporsteigt zu Geistigem, da ja alle unsere vernünftige Kenntnis von dem, was die Sinne wahrnehmen, ihren Anfang nimmt. Deshalb ist es nach jeder Richtung hin zuträglich, daß in der heiligen Schrift die rein geistigen Wahrheiten unter der Hülle von Bildern gelehrt werden, die aus der Körperwelt entnommen sind. Und, dies meint Dionysius, wenn er schriibt (de cael. hier. c. 2.): „Anders kann de Strahl des göttlichen Lichtes uns nicht leuchten als ringsum verhüllt durch die mannigfachsten heiligen Hüllen.“ Zudem ist die heilige Schrift dazu da, daß sie allen vorgelegt werde, wie der Apostel sagt (Rom. 1, 14.): „Den Weisen und den Einfachen gegenüber bekenne ich mich als Schuldner.“ Zu diesem Zwecke aber geziemt es sich, das Geistige unter dem Bilde körperlicher Dinge vorzulegen; damit so die Einfachen ebenfalls ein Verständnis gewinnen, da sie zum unmittelbaren Erfassen des Geistigen nicht befähigt sind.
b) Danach ergiebt sich die Antwort auf das, was entgegengehalten worden ist.
I.Der Unterschied zwischen der Poetik im Gebrauche von Bildern und Figuren einerseits und der heiligen Schrift andererseits liegt auf der Hand. Jene gebraucht solche Figuren, damit sie durch die schöne Darstellungsform ergötze; diese aber wegen der Notwendigkeit und dem Nutzen, den sie dann sieht. II. „Weit entfernt davon,“ schreibt Dionysius (d cael. hier. c. 11.) gegen den zweiten Einwurf, „daß der Strahl göttlichen Lichtes erlöscht und zerstört werde durch die Bilder aus der Körperwelt, mit denen er um hüllt erscheint, bleibt er vollauf im Glanze seiner Wahrheit; damit er nicht zulasse, daß die Vernunft, an welche die Offenbarung gerichtet ist, im Bilde stehen bleibe, sondern damit er sie erhebe zur Kenntnis geistiger Dinge und daß dann vermittelst dieser Vernunft andere erleuchtet würden.“ Daher kommt es auch, daß die heilige Schrift, was sie an der einen Stelle unter Bildern und Figuren lehrt, an der anderen mit klaren ausdrücklichen Worten widergiebt. Das Verbergen selbst aber des Geistigen unter Figuren ist eine Übung für den Geist der Begabteren, die sich unterrichten wollen; und zugleich ein Schutz dafür, daß das Heilige, von den Ungläubigen nicht verspottet werde. Darum heißt es Matth. 7, 6: „Wollet das Heilige nicht den Hunden vorwerfen.“ IlI. Auf den dritten Gegengrund hat gleichfalls Dionysius schon geantwortet (de cael. hier. c. 11.): „Es ist weit passender, daß die heillge Schrift unter dem Bilde niedriger und verächtlicher Körper, (wie z. B. bei den Sakramenten durch das Wasser, das Öl etc.) das Geistige ausdrückt als unter dem Bilde von Körpern, die hervorragender sind; und zwar zuvörderst: weil dadurch der menschliche Geist mehr der Gefahr des Irrtums fern bleibt. Denn offenbar wird dieses Niedrige nicht als wirkliche Eigenschaft der Gottheit ausgesagt und somit ist der Wortsinn ausgeschlossen. Größer wäre schon die Gefahr, wenn unter dem Bilde mehr hervorragender Körper das Göttliche beschrieben würde, zumal für jene, die nichts Höheres als jene Körper sich auszudenken vermögen. Ferner: weil diese Art und Weise des Gebrauches von Figuren und Bildern jener Art Kenntnis von Gott mehr entspricht, welche wir in diesem Leben haben. Denn wir wissen vielmehr, was Gott nicht ist als was Er ist; und deshalb erzeugen die Bilder jener Körper, welche von Gott weiter abstehen und Ihm weniger ähnlich sind, in uns eine der Thatsächlichleit mehr entsprechende Wertschätzung Gottes und zeigen mehr, was das eigentlich sei, was wir über Gott denken oder sprechen, daß es nämlich vielmehr Nichtkenntnis sei wie wirkliche Kenntnis. Endlich: weil durch diese Art Gebrauch das Göttliche vor den Unwürdigen leichter verborgen wird.“
