Zehnter Artikel. Außer dem Wortsinn hat die heilige Schrift noch unter ein und der nämlichen Ausdrucksweise verschiedene Arten von Sinn.
a) Gegen Diese Behauptung wird geltend gemacht zuvörderst: I. daß in der heiligen Schrift verschiedenartiger Sinn ein und der nämlichen Ausdrucksweise gar nicht untergelegt sein kann; und II. daß, wenn dies auch selber angenommen wird, die vier Hauptarten des Sinnes der heiligen Schrift nicht die folgenden sind: 1. der Wortsinn, 2. der allegorische, 3. der moralische, 4. der anagogische. I. Ein verschiedenartiger Sinn ein und derselben Stelle ist schon deshalb nicht zulässig, weil dadurch Verwirrung und Unklarheit hervorgebracht werden muß; man wüßte ja nie, welchen Sinn man den verschiedenen Worten unterlegen solle. Es müßte dadurch alle Beweiskraft der Schriftstellen nichtig werden, da die Irrlehrer stets mit Recht behaupten könnten, sie legten die betreffende Stelle nach dem oder jenem Sinne aus und sie wiesen den anderen Sinn zurück. Die heilige Schrift muß aber klar und wirksam sprechen und ohne jeglichen Schein der Täuschung. Es kann also mit jeder Stelle nur ein Sinn verbunden werden. II. Augustin erkennt jene Einteilung nicht an. Er sagt vielmehr (in lib. de utilit. credendi c. 3.): „Die Schrift, welche das Alte Testament heißt, wird nach vier Seiten hin erklärt: nach der Geschichte, nach der Ätilogie, nach der Analogie und der Allegorie.“ Diese vier Arten von Schrifterllärung stimmen aber offenbar nicht mit der oben angeführten Einteilung. Also gilt letztere nicht oder ist wenigstens nicht unanfechtbar; zudem außer den vier genannten noch der parabolische Sinn existiert. Auf der anderen Seite sagt Gregor der Große (20 moralia, c. 1.): „Die heilige Schrift ragt vor allen Wissenschaften hervor durch die besondere Art ihrer Redeweise; denn mit ein und demselben Ausdrucke erzählt sie, was geschehen und offenbart zugleich ein Geheimnis.“
b) Ich antworte, daß der Verfasser der heiligen Schrift Gott ist, dessen Gewalt sich nicht nur darauf erstreckt, daß Er Worte gebraucht, um etwas Bestimmtes zu bezeichnen (was ja auch der Mensch kann), sondern daß Er zudem die Ereignisse, die Thatsachen selber diesen Worten und ihrer Bezeichnung anpaßt. So geschieht es, daß hier ein durchgreifender Unterschied vorliegt zwischen der Ausdrucksweise in den anderen Wissenschaften und in der heiligen Wissenschaft. In allen anderen Wissenschaften nämlich bezeichnen nur die Worte etwas; hier aber, in der heiligen Wissenschaft, dienen auch die Ereignisse, die Thatsachen dazu, um Zeichen von etwas anderem zu sein. Jene erste Bezeichnung also, wonach die Worte gleichwie in den anderen Wissenschaften etwas ausdrücken, gehört zum ersten Sinn: dem Wort- oder historischen Sinn. Jene andere Bezeichnung aber, wonach die durch die Worte ausgedrückten Thatsachen und Ereignisse wieder Zeichen von etwas anderem sind, ist der geistige Sinn, der sensus spiritualis. Derselbe ist begründet auf dem Wortsinn und setzt diesen voraus. Der geistige Sinn aber wird wieder dreifach geteilt. So nämlich sagt der Apostel (Hebr. 7.): „Das Alte Gesetz ist die Figur (also das Zeichen) des Neuen“ (und Kor. 8.: sed heac omnia in figuram contingebant illis). „Das Neue Gesetz aber ist,“ wie Dionysius sagt (eccl. hier. c. 5.), „die Figur der zukünftigen Herrlichkeit.“ Innerhalb des Neuen Gesetzes nun selber ist alles das, was am Haupte, Christus geschehen ist, ein Zeichen oder eine Figur dessen, was wir thun müssen. Gemäß dem also, daß das im Alten Gesetze Enthaltene Zeichen und Figur ist dessenn, was im Neuen enthalten ist; besteht der allegorische Sinn. Gemäß dem, daß dasjenige, was an Christo geschehen oder an dem, was Christum vorbildete, Zeichen und Figur ist dessen, was wir thun müssen; besteht der moralische Sinn. Soweit aber dies alles Zeichen und Figur ist dessen, was in der ewigen Herrlichleit enthalten ist; besteht der anagogische Sinn. Da nun der Wortsinn jener ist, welchen der Autor meint, als der Autor der Schrift aber Gott dasteht, der mit seiner Vernunft alles umfaßt, so „ist es gar nicht unzulässig“, wie Augustinus sagt (12 Conf. c. 18.), „wenn selbst der Wortsinn in ein und der nämlichen Stelle der Schrift ein mehrfacher ist.“
b) Daraus ergiebt sich I. daß durch den verschiedenartigen Sinn der heiligen Schrift keine Verwirrung, keine Unsicherheit in der Bedeutung der Worte entstehen kann; denn diese Verschiedenartigleit besteht nicht deshalb, weil ein einzelnes Wort Vieles und Verschiedenes bezeichnet, sondern weil die durch die Worte bezeichneten Thatsachen und Ereignisse wieder Zeichen und Figuren anderer Dinge sein können. Damit ist auch gesagt, daß jeglicher andere Sinn sich auf den Wortsinn stützt; und nur aus diesem letzteren kann ein Beweis geführt werden, nicht aber aus der Allegorie, wie Augustin sagt (ep. 43. contra Vinoentium Donatistam). Und wiederum geht damit nichts der heiligen Schrift verloren, daß der allegorische Sinn als Ausgangspunkt und Princip eines Beweises nicht gelten kann; denn nichts für den Glauben Notwendiges ist im allegorischen Sinne enthalten, was nicht an einer anderen Stelle in offenbarer Weise nach dem Wortsinne gelehrt würde. II. Der Gegensatz zur Einteilung Augustins ist nur ein scheinbarer. Der historische, ätiologische und analogische Sinn nämlich gehören alle drei zum Wortsinne. So schreibt Augustin selber: „Der geschichtliche Sinn besteht darin, daß ein Ereignis oder eine Thatsache einfach erzählt wird; — der ätiologische, daß die Ursache mit angegeben wird; wie dies der Herr thut, da Er z. B. erzählt, Moses hätte die Erlaubnis gegeben, die Ehefrau fortzuschicken, und hinzufügt: wegen euerer Herzenshärte; — der analogische Sinn aber will nichts anderes als zeigen, daß die Wahrheit der einen Schriftstelle der der anderen nicht widerspricht. Nur den allegorischen Sinn stellt Augustin als den geistigen auf und faßt in diesem Worte die drei oben angefühten Arten zusammen.“ So begreift auch Hugo a S. Victore unter dem allegorischen den analogischen Sinn mit und stellt deshalb nur drei auf: den historischen, den allegorischen und tropologischen (3 Sententiar.: prol. lib. 4. de sacr. c. 4.). Der zuletzt im Einwürfe erwähnte parabolische Sinn ist miteinbegriffen im Wortsinne. Denn die Worte drücken Manches recht eigentlich aus, so daß sie wie sie dastehen, aufgefaßt werden müssen; manches Andere aber drücken sie unter einer Figur aus. Und dann ist nicht die Figur selber der Wortsinn, sondern das durch die Figur Ausgedrückte. So ist, wenn ich sage, „Heinrich der Löwe,“ der Wortsinn nicht, daß Heinrich ein Löwe sei, sondern das durch die Figur „Löwe“ Ausgedrückte; der Wortsinn ist: Heinrich der Starke oder der Großmütige. Ebenso; wenn die heilige Schrift den „Arm des Herrn“ nennt, so ist der Wortsinn nicht, daß Gott einen körperlichen Arm hätte, sondern das, was durch dieses Glied ausgedrückt wird: die Thatkraft. So wird offenbar, wie mit dem Wortsinne der heiligen Schrift niemals etwas Falsches bestehen kann.
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