Dritter Artikel. Das Neue Gesetz regelt in genügender Weise die innerlichen. Akte.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Zehn Gebote regeln den Menschen zu Gott und zum Nächsten hin. Der Herr aber hat nur auf drei sich bezogen und da etwas geregelt; nämlich auf Totschlag, Ehebruch, Meineid. Also ist diese Regelung nicht genügend. II. Betreffs der richterlichen Vorschriften hat der Herr das Innere nur geordnet rücksichtlich des Entlassens der Gattin, der Verfolgung der Feinde und der Wiedervergeltung von Gleichem mit Gleichem. Es giebt aber noch viele andere Vorschriften dieser Art. III. Auch rücksichtlich des Ceremonialen hat der Herr die innerliche Thätigkeit nicht geregelt. IV. Ist die innere Verfassung gut, so thut der Mensch gar nichts wegen irgend eines zeitlichen Gutes. Der Herr aber spricht einerseits nur von der Gunst bei den Menschen, als ob es kein anderes zeitliches Gut gäbe; andererseits erwähnt Er keine anderen guten Werke, wie Almosen, Fasten und Gebet. Also. V. Von Natur wird der Mensch dazu getrieben, sich die Leibesnotdurft zu Verschaffen; wie ja auch Prov. 6. gesagt wird: „Gehe zur Ameise, Fauler, und betrachte deren Wege; sie hat keinen Lehrer und Leiter, trotzdem aber bereitet sie im Sommer vor, was ihr für den Winter zur Nahrung dient.“ Verbietet also der Herr die innerliche Sorge um Nahrung und Kleidung, so geht Er gegen die Natur selber an. VI. Unzulässigerweise hat offenbar der Herr das Urteilen verboten. Denn dies ist ein besonderer Akt der Gerechtigkeit, nach Ps. 93.: „Bis die Gerechtigkeit sich umwandle in das Urteilen.“ Also scheint ganz ungenügenderweise das Neue Gesetz die inneren Thätigkeiten geregelt zu haben. Auf der anderen Seite sagt Augustin (1. De serm. Dom. in monte c. 1.): „Dabei bemerke man, daß, wenn Er sagt: Wer diese meine Worte hört. Er damit genügend anzeigt, diese Predigt des Herrn enthalte in vollkommenster Weise alle Vorschriften, welche das christliche Leben bilden.“
b) Ich antworte, gemäß dem angeführten Texte Augustins enthalte die Bergpredigt alle Vorschriften für das Leben christlicher Vollkommenheit und werden somit darin die inneren Thätigkeiten des Menschen in ausreichendster Weise geregelt. Denn nachdem in den Seligkeiten der letzte Endzweck des menschlichen Lebens gezeigt und die Apostolische Würde empfohlen worden war, vermittelst deren die Lehre des Evangeliums verbreitet werden sollte, ordnet der Herr die innere Thätigkeit des Menschen zuerst mit Rücksicht auf die eigene thätigseiende Person und dann mit Rücksicht auf den Nächsten. Mit Rücksicht auf die eigene Person dessen, der thätig ist, geschieht dies gemäß den zwei Arten Thätigkeiten im Menschen, welche das Zweckdienliche betreffen und die auf den Zweck selber gerichtete Absicht. Danach ordnet der Herr zuerst den menschlichen Willen gemäß den verschiedenen Vorschriften des Gesetzes, daß jemand sich nämlich nicht nur der äußerlichen Thätigkeiten enthalte, die an sich schlecht sind, sondern auch der entsprechenden inneren und der bösen Gelegenheiten. Dann regelt Er die Richtung des Willens auf den Zweck selber, die Absicht, indem Er anordnet, daß in dem Guten, was wir thun, wir weder Ehre bei den Menschen suchen noch die Reichtümer der Welt, die in nichts Anderem bestehen als im Anhäufen von Schätzen. Demnächst regelt Er die innere Thätigkeit des Menschen mit Beziehung auf den Nächsten, daß nämlich niemand über den Mitmenschen voreilig oder ungerecht oder böswilligerweise urteile; und daß wir doch andererseits nicht so unbekümmert seien in unseren Beziehungen zu ihm, um ihn am Heiligen teilnehmen zu lassen, falls er dessen unwürdig ist. An letzter Stelle lehrt Er die Art und Weise, wie wir die Lehre des Evangeliums befolgen sollen, nämlich unter Anrufung des göttlichen Beistandes und mit dem Bestreben, durch die enge Pforte der vollkommenen Tugend einzugehen. Vorsicht sollen wir dabei anwenden, damit wir nicht verführt werden von den Bösen; die Beobachtung der Gebote sei notwendig für die Tugend; das bloße Bekenntnis des Glaubens oder das bloße Anhören, selbst wenn es mit Wunderwirken verbunden wäre, sei ungenügend.
c) I. Die Pharisäer und Schriftgelehrten wollte der Herr bei den drei erwähnten Geboten verbessern. Denn diese meinten, das Verbot des Ehebruchs und des Totschlags beziehe sich nur auf den äußerlichen Akt, nicht auf das innere Begehren. Das meinten sie im höheren Grade mit Rücksicht auf diese beiden Verbote; weil die Bewegung des Zornes, welche zum Totschlag treibt, und die Bewegung der Begierlichkeit zum Ehebruche hin gewissermaßen von Natur uns innewohnen; was nicht so beim Begehren zu stehlen oder einen Meineid zu leisten der Fall ist. Sie täuschten sich zudem beim letztgenannten auch darin, daß sie meinten, ein Meineid sei zwar Sünde; das Schwören aber sei zu erstreben und häufig ins Werk zu setzen, weil es die Ehre des Namens Gottes befördere. Dem gegenüber zeigt der Herr, wie das Schwören wohl an sich gut sei, jedoch wie man nicht danach streben müsse; sondern es sei nur im Notfalle etwas Gutes und zu Gebrauchendes. II. Die Pharisäer irrten in den richterlichen Vorschriften: 1. weil sie annahmen, manche Dinge, die Moses nur erlaubt hatte, seien an und für sich gerecht, wie das Entlassen der Frau und das Zinsennehmen von Fremden; deshalb verbot der Herr das Entlassen der Frau (Matth. 5.); und das Zinsennehmen (Luk. 6.) mit den Worten: „Leihet aus und erwartet keinerlei Vorteil davon;“ — 2. weil sie meinten, mit anderen Dingen, die das Gesetz um der Gerechtigkeit willen geboten, könne man seine Nach- oder Geld- oder Ehrsucht stillen. Dies hatte statt in drei Geboten:
a) Die Rachsucht hielten sie für erlaubt auf Grund des Gebotes, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Damit nach dieser Seite hin der Herr lehre, es sei dies nur um der Gerechtigkeit willen geboten worden und nicht, um die Rachfucht zu stillen, gebot Er, die Seele des Menschen müsse dazu bereit sein, wenn notwendig, mehrfaches Unrecht zu erleiden, falls ihr einmal Unrecht gethan worden sei.
b) Die Geldgier hielten sie für erlaubt auf Grund des Gebotes, man solle die gestohlene Sache wieder erstatten und etwas hinzufügen. (Kap. 105, Art. 2, ad IV.) Das aber schrieb das Gesetz um der Gerechtigkeit willen vor; und deshalb gebietet der Herr zur Stillung der Geldgier, wir sollen nicht infolge der Begierde das uns Gebührende fordern, sondern bereit sein, mehr zu geben.
c) Die Bewegung des Hasses endlich hielten sie für erlaubt auf Grund der Gebote, welche die Tötung der Feinde betreffen. Um nun darzuthun, daß die Gebote nicht die Sättigung des Hasses bezwecken, sondern die Befriedigung der Gerechtigkeit, lehrt der Herr, man solle die Feinde lieben und ihnen, wenn erfordert, Gutes thun, oder bereit dazu sein. Denn alle diese Vorschriften sind nach Augustin (I. c.) von der Bereitwilligkeit der Seele zu verstehen. IV. Die Moralvorschriften mußten auch im Neuen Bunde bestehen bleiben; die nähere Regelung der richterlichen Vorschriften aber ward der freien Bestimmung der Menschen überlassen. Die Ceremonialvorschriften waren durch Christum erfüllt; und somitt sagt der Herr in jener allumfassenden Belehrung nichts davon. Joh. 4. aber zeigt Er an, wie der bis dahin bestehende körperliche Kult zu verändern sei in den geistigen: „Es wird die Stunde kommen, wo weder auf diesem Berge noch in Jerusalem ihr den Vater anbeten werdet; sondern die wahren Anbeter werden anbeten den Vater im Geiste und in der Wahrheit.“ V. Alle Dinge in der Welt lassen sich nach 1. Joh. 2, 16. zurückführen auf die Ehren, „die Hoffart des Lebens,“ auf den Reichtum, „die Begierlichkeit der Augen,“ und auf die Fleischeslust, „die Begierlichkeit des Fleisches.“ Überflüssige Freuden des Fleisches nun verhieß das Gesetz nicht, sondern verbot deren vielmehr. Ehre und Ruhm aber verhieß es, nach Deut. 28.: „Wenn du hörest auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, Er wird dich unter allen Nationen erheben;“ und ebenso verhieß es Reichtum: „Und Überfluß wird Er dir geben in allen Dingen.“ Die Juden nun verstanden diese Verheißungen schlecht; als ob man nämlich wegen ihrer, wie um des letzten Endzweckes willen, dienen solle. Deshalb lehrt der Herr, man solle die Tugendwerke nicht thun um der Ehre vor den Menschen willen. Und Er führt die Tugendwerke auf drei Arten zurück: auf das Fasten, was dazu dient, die eigene Person in ihren Begierlichkeiten zu zügeln; auf das Almosen, was die Liebe zum Nächsten andeutet; und auf das Gebet, den Ausdruck der Gottesverehrung. Durch diese drei Dinge nämlich hauptsächlich suchen die Menschen Ehre und Ruhm. Dann lehrt Er, man solle nicht den Reichtum als Endzweck aufstellen: „Wollet nicht Schätze sammeln auf Erden.“ (Matth. 6.) V. Die ungeregelte Sorge verbietet der Herr: 1. Wir sollen Gott nicht dienen um des Lebens Notdurft willen in Kleidung und Nahrung: „Wollet keine Schätze sammeln etc.“ 2. Wir sollen nicht in der Weise Kummer haben um des Lebens Notdurft willen, daß wir deshalb an Gottes Beistand verzweifeln: „Euer Vater weiß, daß ihr Alles das notwendig habt.“ 3. Wir sollen nicht auf unsere Kräfte und Mittel zu viel bauen, als ob wir Gottes Beistand zum Erwerb der Lebensnotdurft nicht notwendig hätten: „Niemand kann etwas zur Länge seiner Figur hinzufügen.“ 4. Wir sollen nicht jetzt dafür besorgt sein, worum zu sorgen nicht die Gegenwart, sondern erst die Zukunft angeht: „Kümmert euch nicht um den morgigen Tag.“ Vl. Das ungeregelte Urteilen verbietet der Herr, nicht die Tugend der Unterscheidung.
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