Fünfter Artikel. Der Nlensch kann nicht ohne den Gnadenbeistand das ewige Leben verdienen.
a) Dies scheint doch. Denn: I. Matth. 19. sagt der Herr: „Wenn du zum Leben eingehen willst, halte die Gebote.“ Also liegt es in der Gewalt unseres Willens, ins ewige Leben einzutreten; und somit können wir es durch und von uns selber. II. Das ewige Leben ist eine Belohnung, nach Matth. 5, 12. Der Lohn aber wird für entsprechende Werke gegeben, nach Ps. 61.: „Du wirst einem jeden vergelten nach seinen Werken.“ Da also der Mensch Herr über seine Werke ist, so ist er es auch über seinen Lohn. III. Das ewige Leben ist der letzte Endzweck des menschlichen Lebens. Jedes Wesen aber kann kraft seiner Natur seinen Zweck erreichen; um so mehr also der Mensch, der eine so hohe Natur hat. Auf der anderen Seite heißt es Röm. 6.: „Gnade Gottes ist das ewige Leben;“ — „damit wir verstehen,“ so Augustin (de grat. et lib. arbitr. 9.), „wie aus reiner Barmherzigkeit Gott uns zum ewigen Leben geleitet.“
b) Ich antworte; jene Thätigkeiten, die zur Erreichung des Zweckes führen, müssen zum Zwecke in gebührendem Verhältnisse stehen. Keine Thätigkeit aber überragt die Kraft des sie hervorbringenden Princips. Wir sehen deshalb, wie im Bereiche des Natürlichen kein Vermögen eine Wirkung erzielen kann, welche die Kraft des wirksamen Princips übersteigt; vielmehr muß die Wirkung immer im Verhältnisse stehen zum wirksamen Princip. Nun ist das ewige Leben ein die Verhältnisse der menschlichen Natur überragender Zweck, wie aus Kap. 5, Art. 5 hervorgeht. Deshalb also kann der Mensch vermittelst seiner natürlichen Kräfte keine Werke vollbringen, welche das ewige Leben verdienen. Dazu ist eine höhere Kraft erforderlich, die da ist die Kraft der Gnade. Ohne Gnade also kann der Mensch nicht das ewige Leben verdienen; er kann jedoch einzelne Werke thun, welche zu einem der menschlichen Natur und ihren Kräften entsprechenden Gute als Zweck hinführen; wie arbeiten im Felde, essen, trinken etc., wie Augustin sagt. (contra Faust. lib. 3, cap. 4.)
c) I. Mit seinem Willen macht der Mensch das, was das ewige Leben verdient; aber die Gnade muß den Willen vorbereiten, wie Augustin (l. c.) schreibt. II. Augustin desgleichen schreibt (de grat. et lib. arbitr. 8.) zu Röm. 6, 23.: „Gewiß wird das ewige Leben als Belohnung für die guten Werke gegeben; aber eben diese guten Werke, welche damit belohnt werden, sind der göttlichen Gnade geschuldet.“ III. Der Einwurf betrifft das den menschlichen natürlichen Kräften entsprechende Gute. Weil aber eben die Natur des Menschen eine so hohe Stelle einnimmt, kann sie zu einem erhabeneren Zwecke, wenigstens mit Hilfe der Gnade hingeleitet werden, als die niedrigeren Kräfte im Menschen es besagen. So ist auch ein Mensch gesünder, der mit Hilfe von Medizin gesund werden kann, wie jener, der es gar nicht kann. (2. de coelo.)
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