Einundzwanzigstes Kapitel Die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes. Überleitung.
„O Heuchler! Ein jeder von euch löst am Sabbathe seinen Ochsen oder seinen Esel von der Kette und führt ihn zur Tränke; und diese Tochter Abrahams, welche Satan gebunden hat, siehe nun, seit zehn Jahren, sollte nicht gelöst werden von ihren Banden am Sabbathe!“ (Luk. 13.) „Das aber,“ fügt Hieronymus hinzu, „ist das krumme, zur Erde gebeugte Weib, das da nicht zum Himmel hinaufschauen kann, was der unfruchtbare Feigenbaum!“ Drei Jahre hindurch war der Herr des Gartens gekommen, hatte nach Früchten gesucht und keine gefunden. Er wollte, daß er abgehauen werde, damit er nicht nutzlos den Platz wegnehme. „Lasse ihn noch ein Jahr,“ hatte der Verwalter gesagt, „ich will um denselben herum graben und düngen; bringt er dann keine Frucht, so haue ihn ab.“ Da steht das wahre einige Bild der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes vor uns. Thomas behandelt diese beiden Vollkommenheiten zusammen. Und so muß es sein. Die Gerechtigkeit ist getragen, umgeben, durchdrungen, gekrönt von der Barmherzigkeit. Denn „es wird durchaus weit überragt die Gerechtigkeit von der Barmherzigkeit,“ sagt der heilige Jakobus. Und wiederum ist die Barmherzigkeit nichts Anderes als die Gerechtigkeit der Liebe und Güte. Warum brachte dieser Feigenbaum keine Frucht? Seine Kräfte waren durch ein Hindernis gebunden. Sorgsame Pflege sollte dieselben lösen und das Hindernis für die Entwicklung derselben entfernen. Gepflanzt hatte ihn der Herr des Gartens; der Boden, worin er stand, gehörte dem Herrn; gepflegt hatte ihn nun bereits jahrelang der Herr. Aber Früchte gebracht hatte der Baum nicht. Das Ergebnis war nicht angemessen den Erwartungen. Ungerecht war es mit Rücksicht auf den Herrn, daß der Baum ihm sein ganzes Sein und seine Entwicklung verdankte und trotzdem ihm allein kein Vergnügen machte. Er mag die Vorübergehenden erfreut haben durch seine breiten Blätter, durch seine Ausdehnung, durch seinen geraden Wuchs; er mag den Vögeln des Himmels Raum gegeben haben, um an ihm ihre Ruhe und ihr Heim zu finden; seinem Besitzer allein bereitete er Unmut und Mißfallen: „er brachte keine Früchte.“ Gebunden waren die körperlichen Fähigkeiten des Weibes. „Gekrümmt schaute sie zur Erde.“ Nach oben konnte sie nicht ihren Blick erheben. Wass sagt der Heiland sogleich? „Satan habe sie angebunden.“ Warum dies, wenn das Krummsein doch nur die Folge einer langwierigen Krankheit war? Ein Mysterium wird dadurch angezeigt. Die Frau stellt den Sünder vor; der da Vermögen, Fähigkeiten, Kräfte hat; dem Gott diese Fähigkeiten und die innerste Natur selber als Grundlage all seines geschöpflichen Seins gegeben; der aber dem Zuge dieser Vermögen nach oben hin nicht folgt, sondern sie, die da in ihrem Wesen betrachtet vom Himmel her den erfrischenden Tau der Gnade erwarten möchten, fest anbindet an die elenden vorübergehenden Güter der Welt; der da lieber dem Satan folgt, der ihn krümmt, als dem Herrn, der ihn lösen will. Welche Zerrissenheit, welches Elend, welche Sklaverei in der Sünde! Der Sünder ist; — und dieses Sein ruft unaufhörlich aus ihm selbst heraus zur Seinsfülle. Der Sünder lebt; — und dieses Leben hat er vom UrLeben; wie der Lichtstrahl seinem Wesen nach zur Sonne hindrängt, so drängt das Leben im Sünder zu Gott. Der Sünder schließt Wahrheit in sich ein; — von der ewigen Wahrheit kommt er, zu ihr geht er. Noch mehr! Wie die Blüte am Ufer über dem Wasser hängt und dort in die ruhige, klare Wasserfläche ihr Bild einzeichnet und dieses Bild ist geradeso wie die Blüte selber; es hat dieselbe Ausdehnung, dieselbe Farbe, dieselbe Schönheit wie diese; zittert im Winde die Blüte da oben, so zittert auch unten ihr Bild im klaren Wasserspiegel; — so etwa, aber in noch weit höherem Grade, hat der Sünder da oben im Sein Gottes sein Urbild, nach welchem er gezeichnet ist hier unten auf den ohne Rast wandelnden Stoff. Wie er da oben ist, so hat er Sein hier unten. Alles Sein, alle Kraft, alles Gute, was er hier m jedem Augenblicke besitzt, das besteht nach Maßgabe jenes feststehenden Seins, insoweit darin sein Urbild ist. Kann das Bildchen im Wasser noch bestehen, wenn die Blüte oben der Sturm abgeschüttelt hat? Unmöglich. Geradeso nun müßte der Sünder im ersten Äugenblicke der Sünde losgerissen sein vom Sein, vom Leben, von der Wahrheit, vom Wirken; das Nichts allein wäre sein Platz. Aber siehe da! Der ihn gepflanzt, der ihm alles gegeben, was er ist; der bleibt in reinster Barmherzigkeit in ihm. Er erhält ihm Sein, Leben, alle seine Kräfte: „Lasse ihn noch ein Jahr,“ so fleht es da oben aus dem Munde unseres Beistandes, des Herrn Jesu Christi. Dem Sünder wird Zeit geschenkt; „daß er sich belehre und lebe.“ Wird er beständig gegen die Natur seines eigenen Seins, gegen die Natur seines eigenen Wesens, gegen die Natur seiner Vernunft, gegen alles Wahre, gegen alles Gute, gegen alles Wirksame, was in ihm ist; gegen alle Barmherzigkeit, die mitten in der Sunde ihn trägt, sich krümmen zur Erde und sich selbst das größte Hindernis sein, um aufzuschauen zur Schönheit des Allgütigen und zum Lichte jener Liebe, die nicht aufhört, ihn mit ihren Wohlthaten zu überschütten? Wird er sich immer weiter entfernen von jenem Urbilde in der Majestät des Ewigen, von dem aus alle Kraft ihm zufließt? Daß nur etwas Sabbathruhe in ihm werde! Daß er seine Vernunft nur einmal recht gebrauche, um den Tempel seines eigenen Herzens zu betreten! Daß er nur den vernunftlosen Kreaturen selber, dem Winke seiner eigenen Kräfte und dem Zuge seiner Natur wenigstens folge! Daß er sein Ohr von der Stimme der Leidenschaft einmal abwende und es öffne zur Wahrheit hin! Der Ruf seines gütigen Gottes, den dieser in den vernunftlosen Kreaturen, in allen geschöpflichen Vermögen und Kräften, mitten durch die Natur des Sünders selber hindurch ertönen läßt, wird in seinen Ohren klingen, seinen Verstand erleuchten; und im Tempel seines Herzens wird ihm, dem Gekrümmten, dem zur Erde Gebeugten, der Herr aus reinster Barmherzigkeit sagen: „Du bist gelöst von deiner Krankheit.“ O, wie da die Kräfte des Sünders unter den wohlthuenden Strahlen der göttlichen Barmherzigkeit sich aufrichten! Nun finden sie die wahre Gerechtigkeit. Denn gerecht ist es, daß „der das Vermögen gegeben, auch das Vollbringen verleiht“. Gerecht ist es, daß das Nichts nur das Nichts sich zuschreibt, alle Ehre aber dem glorreichen Herrn giebt. Gerecht ist es, daß Er, der Herr, der da in den Kreaturen gerufen, der eingeladen hat durch den natürlichen Drang de verschiedenen Kräfte, der in und vermittelst der Natur des Sünders diesen zuvörderst in die Sabbathsruhe eingeführt und dann später im Tempel seines Herzens durch übernatürliche Gnade vom widernatürlichsten Elende gelöst hat; gerecht ist es, daß Er allein dafür verherrlicht wird, nimmt der Sünder selbst doch an seiner eigenen Belehrung nur insoweit teil, als es der Herr in seine Vermögen gelegt hat. Gerecht ist es, daß der Sünder in der Sünde nur Zerissenheit, Qual, Elend vorfindet. Denn die Vermögen des Sünders, wenn sie der bestimmenden und einigenden Einwirkung von oben entzogen sind, können nicht anders als auch in sich zerrissen sein und zum Nichts in ihrem Wirken eilen, wahrend sie es in sich besitzen, die Fülle des Seins erreichen zu können. So offenbart sich, verflochten gleichsam ineinander, die Gerechtigkeit vnd Barmherzigkeit des Herrn. Die Gerechtigkeit teilt einem jeden Wesen Sein zu, je nachdem die Barmherzigkeit ihm Vermögen und Kräfte verliehen hat. Sie teilt der Sonne das Leuchten zu, dem Wasser das Fließen, dem Feuer das Steigen; der Vernunft die Wahrheit, dem Willen das Gute; dem Menschen das Menschliche, dem Engel engelhaftes Wirken. Fallen die Vermögen im thatsächlichen Wirken von Gott ab und tragen sie so nicht die Krone der göttlichen Bestimmung und der göttlichen Einwirkung; so ist es gerecht, daß das, was allein Gottes nicht ist, daß insoweit das Nichts ihr Anteil wird. Und da all diese Vermögen und Kräfte kraft der göttlichen Barmherzigkeit immerdar Vermögen bleiben, mit ihrer einzelnen Natur zu Gott hin gerichtet; so ist es gerecht, daß sie zur Strafe werden in der Hand Gottes, im Innern des Sünders selber Quelle der Zerrüttung und Unordnung; und es ist barmherzig, daß Gott den Sünder mitten in der Strafe, ja gerade in der Strafe selbst, in der eigenen Zerrüttung nämlich die Veranlassung finden läßt, um in sich einzutreten und kraft der göttlichen Gnade von dem Wege der Sünde umzukehren. Denn nur eine Gerechtigkeit ist im Schöpfer nicht, die sonst von den Kreaturen verlangt wird, jene nämlich; welche ihre ihrerseits giebt, weil sie empfängt; die da bestimmt, weil sie bestimmt worden. Die Kreatur muß immer hören. „Du, wer bist du, daß du mit Gott rechten willst!“ Wer hat vorher Ihm gegeben, der mir gab und ich soll Ihm zurückgeben?“ „Dein ist alles'', sagt alle Kreatur zu Gott, „und was wir von Dir empfangen haben, das brachten wir da.“ (1: Paral. 29.) Nichts kann der Sünder von sich aus Gott entgegenbringen, auf daß ihm daraufhin Gott Barmherzigkeit widerfahren lasse; weder einen Gedanken, noch eine Handlung; weder etwas Vorausgesehenes noch etwas als,gegenwärtig Geschautes. Wechselseitige Gerechtigkeit kommt Gott rücksichtlich der Kreatur nicht zu. Er giebt nur; und zwar niemals deshalb, weil Ihm gegeben worden ist. Er giebt, soweit seine Güte und Liebe will, — und das ist Barmherzigkeit. Er bewahrt, was Er gegeben hat und bestimmt danach in seiner verursachenden Kraft die Wirksamkeit der Kreatur; — das ist Gerechtigkeit. Die Natur besagt ihrem Wesen nach nur Können, dem Schöpfer gegenüber nur ein Empfangen-Können. Der Schöpfer allein ist allem gegenüber nur und rein Wirklichsein. „Du bist gerecht,“ sagen wir mit dem heiligen Anselmus, „nicht weil Du uns giebst, was uns gebührt; sondern weil Du thust, was Dir, dem höchsten Gute geziemt.“ (Prosol. cap. 10.)
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