Zweiter Artikel. Die Verzweiflung braucht nicht vom Unglauben begleitet zu sein.
a) Dagegen läßt sich geltend machen: I. Die Gewißheit der Hoffnung leitet sich vom Glauben ab. Bleibt aber der Grund, so bleibt die Wirkung. So lange also der Glaube bleibt, besteht keine Verzweiflung. II. Die Schuld für größer zu halten wie die Allbarmherzigkeit Gottes, ist offenbar Unglaube. Dies thut aber der verzweifelnde, nach Gen. 4.: „Größer ist meine Schuld, als daß sie mir vergeben werden kann.“ III. Der Verzweifelnde verfällt zudem offenbar in die Ketzerei der Novatianer, die da leugneten, es könnten nach der Taufe Sünden vergeben werden. Auf der anderen Seite wird das, was früher ist, nicht entfernt durch das Fortfallen dessen, was später ist. Die Hoffnung aber ist später als der Glaube. Fällt also die Hoffnung fort, so ist damit nicht gesagt, daß der Glaube ebenfalls entfernt ist.
b) Ich antworte, der Unglaube sei in der Vernunft, die Verzweiflung im begehrenden Teile. Die Vernunft nun hat zum Gegenstande das Allgemeine; der begehrende Teil das Einzelne oder Besondere, denn seine Thätigkeit geht auf die Sachen selbst, die nur als einzelne existieren. Nun kann jemand ganz wohl eine richtige Meinung rücksichtlich des Allgemeinen haben und es kann sein Urteil in der Anwendung auf den besonderen einzelnen Fall, soweit also es Richtschnur für das Begehren ist, verdorben sein; denn aus einem allgemeinen Grundsatze komme ich zu einer besonderen Schlußfolge nur vermittelst eines Satzes, dem die Auffassung des Besonderen zu Grunde liegt und da kann ein Irrtum sich einschleichen. Es kann also jemand ganz gut im allgemeinen den rechten Glauben haben; und es kann dabei die Auffassung der Einzelheiten des besonderen Falles eine verderbte sein, sei es kraft eines bereits bestehenden Zustandes sei es kraft einer Leidenschaft. So kann jemand die richtige Auffassung im allgemeinen haben, Ehebruch sei eine schwere Sünde; und im besonderen Falle meint er trotzdem, es sei für ihn im Augenblicke etwas Gutes, daß er Unkeusches thue. Und ebenso kann jemand im allgemeinen den rechten Glauben festhalten über den Nachlaß der Sünden in der Kirche; und trotzdem kann er im einzelnen Falle meinen, unter diesen Umständen sei ein Nachlaß nicht zu hoffen, da seine Auffassung des einzelnen Falles eine verderbte ist. Auf diese Weise kann wie jede Todsünde auch die Verzweiflung zusammen mit dem Unglauben bestehen.
c) I. Die Wirkung fällt fort, nicht so sehr wenn die entferntere Ursache verschwindet, sondern wenn die nächste Ursache entfernt ist. Nicht also ist es notwendig, daß die allgemeine Auffassung des Glaubens als die entferntere Ursache geschwunden sei, damit die Verzweiflung möglich werde; vielmehr genügt es bereits, wenn die nähere Ursache für die Gewißheit der Hoffnung, nämlich die richtige Auffassung der Einzelheiten des besonderen Falles, entfernt ist. II. Der verzweifelnde meint nicht im allgemeinen, Gott sei nicht allbarmherzig; das wäre Unglaube. Aber er meint auf Grund seiner besonderen Gemütsverfassung, in seinem besonderen Falle sei an ein Verzeihen von seiten Gottes nicht zu denken. III. Die Novatianer leugneten den Nachlaß der Sünden im allgemeinen.
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