Zweiter Artikel. Die heilige Liebe wird uns eingegossen und so in uns verursacht.
a) Das Gegenteil scheint wahr. Denn: I. „Allem ist das göttliche Gut liebwert,“ sagt Dionysius. (4. de div. nom.) Was aber Allem gemeinsam ist, wohnt den Menschen von Natur inne. II. .Je mehr etwas liebwert ist, desto leichter wird es geliebt. Das göttliche Gut aber ist im höchsten Grade liebwert. Also wird es mit mehr Leichtigkeit geliebt wie alles Andere. Somit bedarf es dazu nicht des Eingießens eines Zustandes. III. 1. Tim. 1. heißt es: „Der Zweck des Gebotes ist die Liebe, die da hervorgeht aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ Diese drei Dinge aber sind menschliche Thätigleiten. Also menschliche Thätigkeiten verursachen in uns die heilige Liebe. Auf der anderen Seite steht Röm. 5.: „Die Liebe Gottes ist in unseren Herzen ausgegossen durch den heiligen Geist, der uns gegeben worden.“
b) Ich antworte, die heilige Liebe sei eine gewisse Freundschaft mit Gott, deren Grundlage ist die Gemeinschaftlichkeit der ewigen Seligkeit. Diese Mitteilung aber vollzieht sich nicht kraft natürlicher Gaben, nach Röm. 6.: „Gnade Gottes ist das ewige Leben.“ Also überragt die heilige Liebe alle Kräfte der Natur. Und somit kann die heilige Liebe nicht kraft der Natur uns innewohnen und nicht durch natürliche Kräfte erworben werden, sondern nur durch das Eingießen des heiligen Geistes in uns verursacht sein; der da ist die Liebe des Vaters und des Sohnes, dessen Mitteilung in uns die heilige Liebe selber ist.
c) I. Dionysius spricht von der Liebe Gottes, insoweit sie auf der Mitteilung natürlicher Gaben gegründet erscheint und diese ist von Natur in Allem. II. Wie Gott an Sich im höchsten Grade erkennbar ist, von uns aber wegen unserer mangelhaften Kenntnis nicht, wie Er in Sich ist, erkannt wird; — so ist Er in Sich im höchsten Grade liebwert, insoweit Er der Gegenstand ewiger Seligkeit ist; aber Er ist dies nicht für uns auf Grund unserer Hinneigung zu den sichtbaren Gütern. Also um Gott als den im höchsten Grade Liebwerten zu lieben, ist es notwendig, daß die heilige Liebe uns eingegossen werde. III. Dies ist zu beziehen auf den Akt oder die Äußerung der Liebe, welche durch die drei genannten Dinge erregt wird. Oder es bereiten diese drei Dinge den Menschen vor, um das Eingießen der heiligen Liebe zu empfangen.
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