Zehnter Artikel. Die heilige Liebe wird nicht minder.
2.) Die heilige Liebe kann minder werden. Denn: I. Sie kann größer werden; also kann sie auch minder werden. II. Augustin (10. Conf. 29.) spricht zu Gott: „Minder liebt Dich, wer zugleich mit Dir etwas liebt;“ und (83 Qq. 36.): „Die Nahrung der Liebe ist die Minderung der Begierde.“ Also auch umgekehrt ist das Wachsen der Begierde das Minderwerden der Liebe. III. Augustin (8. sup. Gen. ad litt. 12.) schreibt: „Nicht so wirkt Gott im Menschen, wenn Er ihn rechtfertigt, daß, wenn Gott sich von ihm entfernt, im Menschen bleibt das, was Gott gemacht hat.“ Also kann man annehmen, daß Gott ebenso im Menschen wirke, wenn Er die Liebe in ihm bewahrt als wenn Er ihm die Liebe zuerst einflößt. Im letzteren Falle aber erhält jener weniger Liebe, der sich weniger dazu vorbereitet hat; also bewahrt Gott auch in jenem, der sich minder vorbereitet, in minderem Grade die Liebe. Auf der anderen Seite wird die heilige Liebe in der Schrift dem Feuer verglichen, nach Cant. 8.: „Seine Leuchten sind Feuerflammen.“ Das Feuer aber, solange es bleibt, steigt immer empor. Also kann auch die Liebe, solange sie da ist, wohl immer emporsteigen, nie aber hinabsinken.
b) Ich antworte, der Umfang der Liebe könne jedenfalls mit Rücksicht auf den Gegenstand weder größer noch geringer werden. (Art. 4.) Es ist die Frage, ob er mit Beziehung auf den Träger oder das Subjekt minder werden kann. Dies könnte geschehen entweder vermittelst einer Thätigkeit oder durch das Unterlassen des Thätigseins. Durch Letzteres werden die erworbenen Tugenden minder und bisweilen vergehen sie infolge dessen (I., II. Kap. 53, Art. 3); wie Aristoteles (8 Ethic. 5.) sagt: Viele Freundschaften vergehen, wenn sie nicht erneuert werden.“ Dies hat aber bei der heiligen Liebe nicht statt. Denn sie ist nicht von menschlicher Thätigkeit verursacht, sondern durch Eingießen seitens des heiligen Geistes. Also hört sie auch nicht auf oder wird minder, wenn das Thätigsein aufhört; es müßte denn in Letzterem sich Sünde finden. Also könnte die Minderung der Liebe nur von einem Akte ausgehen: entweder von Gott oder von der Sünde. Von Gott geht kein Mangel aus, außer in der Weise der Strafe; und die Strafe setzt unsererseits das Bestehen der Sünde voraus. Also kann nur die Sünde Ursache für das Minderwerden der heiligen Liebe sein und zwar entweder als wirkende Ursache oder weil sie es verdient. In beiderlei Weise aber vermindert die Sünde nicht die Liebe, sondern nimmt selbige ganz fort; und zwar als wirkende Ursache, weil jede Todsünde der Gegensatz ist zur Liebe; und in verdienender Weise, weil wer sündigt, wert ist, daß ihm Gott die heilige Liebe entzieht. Die läßliche Sünde nun kann die Liebe nicht minder machen; und zwar nicht als wirkende Ursache. Denn sie reicht nicht an die Liebe selber heran, die sich mit dem letzten Endzwecke befaßt, während die läßliche Sünde eine Unordnung ist mit Rücksicht auf das Zweckdienliche; und die Liebe zum Zwecke selber wird nicht vermindert durch Unregelmäßigkeiten rücksichtlich des Zweckdienlichen. So können Kranke recht stark die Gesundheit wollen und doch sich Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen lassen rücksichtlich der Diät; und falsche Meinungen rücksichtlich der Schlußfolgerungen vermindern nicht die feste Anhänglichkeit an die allgemeinen Grundprincipien. Ähnlich verdient die läßliche Sünde nicht das Minderwerden der Liebe; denn wer in Geringerem fehlt, verdient nicht, Schaden zu erleiden im Größeren. Nicht in höherem Grade nämlich wendet sich Gott vom Menschen ab wie dieser von Gott. Wer also ungeregelt sich verhält zum Zweckdienlichen verdient nicht, Schaden zu erleiden in der Liebe, die auf den letzten Endzweck geht. Direkt also kann die heilige Liebe von Nichts aus vermindert werden. Sie kann es aber indirekt. Denn Minderung der Liebe kann genannt werden das Vorbereiten dazu, daß sie vergeht; und dieses Vorbereiten für das Vergehen der Liebe geschieht durch die läßlichen Sünden und durch Unterlassen des entsprechenden Thätigseins.
c) I. Die heilige Liebe steht nicht im gleichen Verhältnisse zum Vermehren und zum Minderwerden. Denn für ihr Wachstum hat sie eine Ursache; sie hat aber keine, von welcher ihr Minderwerden ausgehen könnte. II. Die Begierde, welche ihren Endzweck setzt in die Kreaturen, ertötet durchaus die Liebe; sie ist Gift für sie (l. c.). Dies aber macht, daß Gott „minder geliebt wird“; nämlich als Er geliebt werden soll infolge der heiligen Liebe; nicht als ob diese heilige Liebe minder würde, sondern weil sie fort ist. Deshalb folgt dem: „Minder liebt Dich, wer mit Dir etwas liebt“ das Andere: „was er nicht wegen Deiner liebt.“ Das ist aber bei der läßlichen Sünde nicht der Fall, wo wegen Gott das Andere geliebt wird dem Zustande nach, wenn auch nicht der thatsächlichen Äußerung nach. III. Zum Eingießen der heiligen Liebe ist erforderlich eine freie Willensbewegung. Was also die Kraft dieser Bewegung mindert, das wirkt vorbereitend dazu mit, daß die einzugießende Liebe eine mindere ist. Zum Bewahren der heiligen Liebe aber ist eine freie Willensbewegung nicht erforderlich; sonst würde die Liebe nicht in den schlafenden bleiben.
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