Sechster Artikel. Für die heilige Liebe zu Gott giebt es von uns aus kein Maß.
a) Das scheint wohl. Denn: I. Der Charakter und das Wesen des Guten besteht in Maß, Gestalt, Ordnung (Aug. de Nat. boni 3 et 4.); die Liebe Gottes aber ist im höchsten Grade gut. Also muß sie ein Maß haben. II. Augustin schreibt (de morib. Eccl. 8.): „Sage mir, worin besteht das Maß für das Lieben? Ich fürchte, das Verlangen der Liebe zum Herrn entbrenne in mir mehr oder entbrenne weniger wie es sich gebührt.“ Solche Furcht aber war überflüssig, wenn überhaupt kein Maß für das Lieben besteht. III. „Maß ist, was einem jeden Dinge von der ihm eigenen Seinsweise vorgeschrieben wird;“ sagt Augustin (4. sup. Gen. ad litt. 3.) Ein solches Maß nun für das menschliche Handeln ist die Vernunft, nach Röm. 12.: „Vernunftgemäß sei euer Gehorsam.“ Also besteht ein Maß für die Liebe. Auf der anderen Seite sagt Bernardus (de dilig. Deo c. 1.): „Die Ursache, Gott zu lieben, ist Gott; das Maß dieser Liebe ist, ohne Maß zu lieben.“
b) Ich antworte, das Maß schließe eine gewisse Bestimmung in der Seinsweise ein. Diese Bestimmung nun findet sich im messenden Maße und im durch das Maß Gemessenen; — und zwar im messenden Maße dem Wesen nach, denn ein solches Maß ist bestimmend für das Andere; in dem durch das Maß Gemessenen, insoweit es die Bestimmung im Maße erreicht. Im Maße selber also ist nichts ungemessen; in der Sache aber, die dem Maße unterliegt, ist Ungemessenes, wenn sie die Richtschnur des Maßes nicht erreicht, d. h. darüber hinausgeht oder davor zurückbleibt. Im ganzen Bereiche des Begehrens und Thätigseins ist nun das Maß der Zweck. Der Zweck aber hat von sich aus den Charakter des Bestimmten; und was dem Zwecke dient, wird nach ihm gemessen. Deshalb sagt Aristoteles (1 Po!it. 6.): „Das Begehren nach dem Zwecke selber ist in allen Künsten ohne Abschluß.“ Ein Abschluß, also eine messende Richtschnur, findet sich erst beim Zweckdienlichen. Der Arzt z. B. legt der Gesundheit kein bestimmtes Maß auf; er stellt sie so vollkommen her, wie auch immer er kann. Aber für die Medizin bestimmt er ein Maß gemäß ihrem Verhältnisse zur Gesundheit; und bleibt hinter diesem Maße die Medizin zurück oder geht sie darüber hinaus, so ist sie maßlos. Gott nun ist der letzte Endzweck aller menschlichen Thätigkeit. Also ist in der Liebe, die auf Ihn als auf den Endzweck sich richtet, kein Maß. Sie ist selber Maß oder Richtschnur; und je mehr die Thätigkeit an dieses Maß hinanreicht, desto besser ist sie. Je mehr Gott geliebt wird, desto besser ist die Liebe.
c) I. Die Güte des messenden Maßes, welches von sich aus das Maß in sich schließt, steht höher wie die Güte des Gemessenen, was ein Maß erhält auf Grund von etwas Anderem; und so ragt die heilige Liebe als Maß aller Tugenden hervor über die anderen Tugenden, welche in ihr gemessen werden. II. Augustin fügt an dieser Stelle hinzu: „Das Maß in der Liebe Gottes ist, daß Er aus ganzem Herzen geliebt werde;“ also so viel man kann. III. Der Gegenstand der heiligen Liebe überragt alles Urteil der Vernunft; und somit wird er nicht gemessen durch die Vernunft, sondern steht höher. Man darf auch nicht den äußeren Akt der Liebe als Beispiel anziehen, der da von den Umständen vermittelst der Vernunft gemessen wird und worauf sich Röm. 12, 1. bezieht. Denn der innere Liebesakt hat den Charakter des Zweckes; weil im „Anhängen an Gott“ (Ps. 72.) das Endgut des Menschen besteht. Die äußeren Akte sind wie Mittel zum Zwecke, zu messen also durch die Liebe und durch die Vernunft.
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