Vierter Artikel. Die Barmherzigkeit steht nicht in jedem Sinne am höchsten unter den Tugenden.
a) Das scheint aber der Fall zu sein. Denn: I. Die Barmherzigkeit wird selbst der Gottesverehrung vorgezogen: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“ heißt es Matth. 12. u. Ose. 6. II. Zu 1. Tim. 4. (Pietas ad omnia utilis est) sagt Ambrosius: „Der Inbegriff der christlichen Lehre ist die Barmherzigkeit und Hingebung.“ III. Die Barmherzigkeit macht im höchsten Grade gut; was ja den Wesenscharakter einer Tugend bildet. Deshalb heißt es Luk. 6.: „Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Auf der anderen Seite fügt der Apostel (Kol. 3.) zu den Worten: „Nehmet, wie von Gott Geliebte, in euerem Innersten die Barmherzigkeit an“ hinzu: „Vor Allem habt die Liebe.“ Also ist die Barmherzigkeit nicht die größte Tugend.
b) Ich antworte, eine Tugend werde in zweifachem Sinne als die größte bezeichnet: 1. an und für fich; und so ist die Barmherzigkeit die größte Tugend, denn sie ergießt sich über andere und heilt deren Mängel, was im höchsten Grade Sache des Oberen ist; und danach wird auch das Erbarmen als die eigenste Vollkommenheit Gottes bezeichnet und offenbart sich darin im höchsten Grade die Allmacht; — 2. mit Rücksicht auf jenen, der sie hat. Und so ist sie nur dann die größte Tugend, wenn jener der größte ist, welcher sie besitzt; wenn er also keinen Oberen über sich anerkennt, sondern alle unter ihm sind. Für jenen aber, der einen Höheren hat, ist es besser und größer, mit diesem Höheren verbunden zu werden als die Mängel der tieferstehenden zu heben. Für den Menschen also ist die heilige Liebe die höchste Tugend, weil sie mit Gott verbindet; unter den Tugenden aber, die auf den Nächsten gehen, ist für den Menschen die Barmherzigkeit die größte. -.
c) I. Wir ehren Gott durch äußere Gaben und Opfer nicht wegen Seiner, sondern unsertwegen. Denn Er bedarf unserer Opfer nicht; Er will aber, daß man deren Ihm darbringe wegen unseres Nutzens und unserer Andacht. Die Barmherzigkeit also, kraft deren man den Mängeln anderer abhilft, ist ein Gott um so angenehmeres Opfer, weil sie eingehender den Nutzen der Nächsten berücksichtigt, nach Hebr. ult.: „Der Wohlthätigkeit und des Mitteilens vergesset nicht; denn durch solche Opfergaben versöhnt man Gott.“ II. Mit Rücksicht auf die äußeren Werke der Barmherzigkeit besteht der Inbegriff des christlichen Lebens in der Barmherzigkeit; die innere heilige Liebe zu Gott aber steht voran der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. III. Durch die heilige Liebe werden wir Gott ähnlich in der inneren Hinneigung. Also ist sie vorzüglicher wie die Barmherzigkeit, die im Wirken uns Gott ähnlich macht. Nun sind zu betrachten die äußeren Wirkungen oder Akte der heiligen Liebe: die Wohlthätigkeit; das Almosen als ein Teil derselben; und die brüderliche Zurechtweisung als ein gewisses Almosen.
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