Achter Artikel. Die Vorherbestimmung und die Gebete der Heiligen.
a) Es scheint nicht, daß der Vorherbestimmung nützlich sind die Gebete der Heiligen. Denn: I. Nichts Zeitliches geht dem Ewigen vorher; und folgerichtig kann das Zeitliche nicht dazu mithelfen, daß das, was ewig ist, geschehe oder eintrete. Die Vorherbestimmung aber ist von Ewigkeit. Da also die Gebete der Heiligen (hier auf Erden) zeitlich sind, können sie nichts dazu thun, daß jemand vorherbestimmt werde. II. Sowie niemand des Rates bedarf, der nicht Mangel an Kenntnis hat; so bedarf niemand der Hilfe, der nicht Mangel an Kraft hat. Gott aber, der da vorherbestimmt, bedarf keines von beiden. Deshalb sagt Paulus (Röm. 11): „Wer hat seinen Beistand geliehen dem Geiste des Herrn und wer war sein Ratgeber?“ III. „Unterstützt werden“ und „gehindert werden“ wird mit Rücksicht auf eine und dieselbe Person gesagt. Die Vorherbestimmung aber kann durch nichts gehindert werden. Also können die Gebete der Helligen ihr auch nicht helfen. Auf der anderen Seite heißt es Gen. 25, 21.: „Isaak flehte zum Herrn für seine Frau Rebekka; und der Herr gab der Rebekka, daß sie empfing.“ Sie gebar aber den Jakob, der vorherbestimmt war. Und die Vorherbestimmung wäre nicht erfüllt worden, wenn Jakob nicht geboren worden wäre. Also helfen die Gebete der Heiligen den Vorherbestimmten.
b) Ich antworte, daß rücksichtlich dieses Punktes verschiedene Irrtümer sich geltend gemacht haben. Einige nämlich meinten, die Vorherbestimmung sei sicher, also seien alle Gebete und alle guten Werke unnütz; weil ja, ob man bete und Gutes wirke oder nicht, doch das Heil sicher sei, wenn man vorherbestimmt wäre; und falls man verworfen wäre, nichts nütze. Gegen diese Annahme richten sich die gesamten heiligen Schriften, die zum Gebete ermahnen und zu anderen guten Werken. Andere aber meinten, die Gebete könnten die Vorherbestimmung ändern. Und das soll die Meinung der Ägypter gewesen sein, welche annahmen, die göttliche Anordnung, die sie „Schicksal“ nannten, könne durch etwelche Gebete und Opfer gehindert werden. Dagegen wendet sich ebenfalls die Autorität der heiligen Schrift; denn da heißt es (1. Reg. 15, 29.): „Der Triumphierende in Israel wird nicht schonen und Reue wird Ihn nicht beugen;“ und Röm. 11, 29. wird gesagt: „Ohne Reue sind die Gaben Gottes und seine Berufung.“ Und deshalb muß man anders sagen. In der Vorherbestimmung sind nämlich zwei Momente zu unterscheiden: die göttliche Anordnung in sich selber und die Wirkung derselben. Was die erstere anbetrifft, so wird in keiner Weise die Vorherbestimmung durch die Gebete der Heiligen befördert. Durch die Gebete der Heiligen geschieht es in keiner Weise, daß jemand von Gott vorherbestimmt wird. Was aber die Wirkung der Vorherbestimmung anbetrifft, so wird mit Recht gesagt, daß dieselbe gefördert werde durch die Gebete der Heiligen und durch andere gute Werke. Denn die Vorsehung, von welcher die Vorherbestimmung ein Teil ist, entfernt nicht die untergeordneten Ursachen. Vielmehr regelt sie so die Wirkungen und sieht ihnen in der Weise vor, daß auch die Ordnung in den niedrigen Ursachen der Vorsehung unterliegt. Denn sowie die Wirkungen im Bereiche der Natur in der Weise vorgesehen werden, daß auch die natürlichen Ursachen hingeordnet werden zu diesen Wirkungen und daß letztere ohne diese natürlichen Ursachen nicht in die Wirklichkeit träten; so wird von Gott das Heil eines Menschen solchergestalt vorherbestimmt, daß unter die Vorherbestimmung fällt auch das alles, was den Menschen dem Heile nähert; — mögen dies die Gebete der anderen sein oder die eigenen oder andere gute Werke, ohne welche jemand sein Heil nicht erreicht. Somit müssen die Vorherbestimmten sich alle Mühe geben, zu beten und gute Werke zu thun; denn dadurch wird die Wirkung' der Vorherbestimmung mit Sicherheit erfüllt. Deshalb sagt Petrus (II. 1,10.): „Gehet darauf aus, daß ihr durch gute Werke eueren Beruf und euere Auswahl sichert.“ I. Der erste Einwurf widerlegt sich dadurch, daß die Anordnung in Gott selbst durch die Gebete der Helligen nicht gefördert wird; nichts Geschaffenes kann davon die Ursache sein oder es befördern, daß Gott etwas vorherbestimmt. II. Es wird jemand in doppelter Weise durch einen anderen gefördert: Einmal, weil er notwendig hat unterstützt zu werden infolge der Schwäche seiner Kraft; — und so sind wir nicht die Helfer Gottes, von denen gesagt wird: „Wer hat unterstützt den Geist des Herrn.“ Dann wird der Herr z. B. durch seinen Knecht unterstützt, insoweit Er durch denselben sein Werk ausführen laßt; — und so sind wir „Helfer Gottes“ (1. Kor. 3, 9.) und führen seine Befehle aus. Das ist aber nicht, weil die göttliche Kraft etwa zu gering wäre; sondern weil sie sich um der Schönheit des Universums willen der untergeordneten oder Mittelursachen bedient und weil sie auch den Kreaturen die Würde einer verursachenden Kraft aus reiner Güte mitteilen will. IIl. Die untergeordneten Ursachen treten nie aus dem Bereiche der ersten Ursache; denn sie haben von dieser alle ihre Kraft und führen nur deren Absichten aus. Deshalb können sie ihr wohl „Helfer“ sein; aber sie nicht hindern.
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