Erster Artikel. Die Ungerechtigkeit ist ein eigenes besonderes Laster.
a) Dem wird widersprochen. Denn: I. 1. Joh. 3. heißt es: „Alle Sünde ist Ungerechtigkeit.“ II. Die Ungerechtigkeit steht gegenüber allen Tugenden. Denn mit Rücksicht auf den Ehebruch z. B. steht sie entgegen der Keuschheit etc. Also ist sie keine eigene besondere Sünde. III. Die Ungerechtigkeit ist als Gegensatz zur Gerechtigkeit im Willen, wo doch jede Sünde ist. Auf der anderen Seite ist die Gerechtigkeit eine eigene besondere Tugend. Also ist ihr Gegensatz, die Ungerechtigkeit, ein eigenes besonderes Laster.
b) Ich antworte, die Ungerechtigkeit als Gegensatz zur „gesetzlichen“ Gerechtigkeit sei ihrem Wesen nach eine besondere Sünde; denn sie hat einen eigenen besonderen Gegenstand, das Gemeinbeste nämlich, welches sie verachtet; — der Absicht nach aber sei sie eine gemeinsame Sünde; denn insoweit alle Sünden dem Gemeinbesten widerstreiten, haben sie alle den Charakter des Ungerechten und leiten sich davon ab. Ferner bezeichnet man als Ungerechtigkeit eine gewisse Ungleichheit in Bezug auf einen einzelnen anderen, sofern der Mensch z. B. mehr Ehre und Reichtum haben will und weniger von dem entgegengesetzten Üblen, von Mühe und Schaden; und so ebenfalls hat die Ungerechtigkeit einen eigenen besonderen Gegenstand und steht gegenüber der „besonderen“ Gerechtigkeit.
c) I. Insoweit jede Sünde dem göttlichen Gute widerstreitet, ist sie Ungerechtigkeit. II. Auch die „besondere“ Ungerechtigkeit steht allen Tugenden indirekt oder mittelbar gegenüber; denn unter verschiedenen Gesichtspunkten gehören die äußeren Thätigkeiten allen Tugenden an. (Kap. 58, Art. 6.) III. Der Wille erstreckt sich auf das ganze Bereich des Moralischen; insoweit er aber vollendet wird in seiner Beziehung zum Nächsten, geschieht dies durch die Gerechtigkeit.
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