Dritter Artikel. Der Gegenstand für die beiderseitige Gerechtigkeit.
a) Es handelt sich hier um den nämlichen Gegenstand. Denn: I. Die Verschiedenheit im Gegenstande stellt einen Wesensunterschied in den Tugenden her, wie dies bei der Mäßigkeit und bei der Stärke der Fall ist. Also würden bei verschiedenen Gegenständen hier zwei verschiedene Tugenden bestehen; und nicht die eine Tugend der Gerechtigkeit. II. Die verteilende Gerechtigkeit beschäftigt sich mit Geld oder mit Ehren oder mit Ähnlichem, „was auch immer verteilt werden kann unter den Mitbürgern ein und desselben Staates.“ (5 Ethic. 2.) Mit den gleichen Gegenständen aber beschäftigt sich die Tauschgerechtigkeit. III. Soll wegen des Wesensunterschiedes zwischen beiden Gattungen von Gerechtigkeit der beiderseitige Gegenstand ein verschiedener sein, so müßte doch nur ein Gegenstand sein, wo nur eine Gattung Gerechtigkeit ist. Nun hat die Tauschgerechtigleit aber vielfache Gegenstände. Also scheint im Gegenteil der Gegenstand der Tausch- und der verteilenden Gerechtigkeit ein gemeinsamer zu sein. Auf der anderen Seite nennt Aristoteles (5 Ethic. 2.) die eine Gattung Gerechtigkeit die Richtschnur im Verteilen und die andere die Richtschnur im Tauschen.
b) Ich antworte, die Gerechtigkeit berücksichtige gewisse Thätigkeiten nach außen hin, nämlich das Verteilen und das Tauschen; und diese Thätigkeiten bestehen im Gebrauche von außen Befindlichem, nämlich von Dingen oder von Personen oder auch von Wirksamkeiten: von Dingen nämlich, wie wenn jemand dem anderen seine Sache wegnimmt oder sie wiedererstattet; von Personen, wie wenn jemand den anderen persönlich beleidigt oder schmäht oder auch wenn er ihm Achtung erweist; von Wirksamkeiten, wie wenn jemand gerechterweise vom anderen eine Wirksamkeit fordert oder sie ihm leistet. Wird also als Gegenstand der Gerechtigkeit Jenes selbst betrachtet, was man vermittelst der Thätigkeit gebraucht, so hat die verteilende und die Tauschgerechtigteit den gleichen Gegenstand; denn ganz dieselben Dinge werden aus dem Gemeinsamen verteilt an die einzelnen und werden eingetauscht zwischen den einzelnen, dem einen und dem anderen; und so giebt es auch ein Verteilen der mühsamen Wirksamkeiten und ein Auslohnen dieser nämlichen. Betrachten wir aber als Gegenstand der beiderseitigen Gerechtigkeit an erster Stelle jene Handlungen oder Thätigkeiten, vermittelst deren wir Dinge oder Personen oder Wirksamkeiten gebrauchen, so findet sich auf den beiden Seiten ein verschiedener Gegenstand. Denn die verteilende Gerechtigkeit leitet die verschiedenen Zuteilungen; die Tauschgerechtigkeit den Aus- und Eintausch, welcher zwischen zwei Personen statthat. Von solchen Handlungen oder Thätigkeiten, die sich auf den Tausch erstrecken, nun sind die einen freiwillige, die anderen unfreiwillige. Unfreiwillig sind sie, wenn jemand den Besitz oder die Person oder die Wirksamkeit eines anderen gegen dessen Willen gebraucht. Dies geschieht entweder im Verborgenen vermittelst Betrug oder mit offener Gewalt; und Beides entweder gegen den Besitz oder gegen die Person des anderen und zwar gegen dessen eigene Person oder gegen eine diesem nahestehende. Nimmt nun jemand fremdes Gut im Verborgenen, so heißt dies Diebstahl; nimmt er es offen, so heißt es Raub. Gegen die Person selber des anderen ist dieses Gebrauchen gerichtet entweder mit Rücksicht auf deren persönlichen Bestand oder mit Rücksicht auf deren Würde. Der persönliche Bestand wird im Verborgenen verletzt durch geheime Tötung oder durch Schlagen oder durch Reichen von Gift; und offen durch offene Tötung oder durch Einkerkerung oder durch Schläge oder Verstümmelung eines Gliedes. Durch falsches Zeugnis oder durch Verkleinerung wird jemand im Verborgenen verletzt mit Rücksicht auf seine Stellung und Würde, insoweit sein guter Name geschädigt wird; offen durch Anklage vor Gericht, durch Schmähungen. Mit Rücksicht auf eine nahestehende Person wird jemand verletzt in der Gattin, für gewöhnlich im Verborgenen durch Ehebruch; im Knechte, wenn man diesen seinem Herrn abwendig machen will; — was Alles auch offen geschehen kann. Und so verhält es sich dann auch mit anderen nahestehenden Personen, in denen man Unrecht thut der Hauptperson. Freiwillig ist der Aus- und Eintausch, wenn jemand seinen Besitz dem anderen überträgt mit beiderseitigem freien Willen. Geschieht dies schlechthin ohne weitere Verpflichtung des anderen, so heißt dies Schenken und gehört der Freigebigkeit, nicht der Gerechtigkeit an. Die Gerechtigkeit schließt immer den Charakter des Geschuldeten ein. Ein solches Ein- und Austauschen gemäß der Gerechtigkeit nun geschieht 1. wenn jemand seine Sache einem anderen giebt als Entgelt für etwas Empfangenes, wie beim Kauf und Verkauf; — 2. wenn jemand umsonst den Gebrauch einer Sache bewilligt, die ihm gehört; und das heißt Nießbrauch, wenn die Sache Früchte bringt; ist 3. Leihen, wenn die Sache keine Früchte bringt, wie Gold, Gefäße etc.; — 4. wenn jemand gegen einen gewissen Preis den Gebrauch einer ihm gehörigen Sache bewilligt; und das heißt Mieten oder Pachten; — endlich 5. wenn jemand sein Eigentum einem anderen übergiebt; nicht um des Gebrauches willen sondern damit es aufbewahrt bleibe, wie das Anvertraute oder wie ein Pfand oder um für einen anderen Bürgschaft zu leisten; immer in diesen Fällen, um sein Eigentum später zurückzuhaben. In allen diesen Thätigleiten ist die rechte Mttte gemäß absoluter Gleichheit im Geben und im Empfangen. Alle diese Thätigkeiten also gehören der Tauschgerechtigkeit an.
c) Damit ist auf die Einwürfe erwidert.
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