Zweiter Artikel. Die Verkleinerung ist eine Todsünde.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Kein Tugendakt ist eine Todsünde. Eine heimliche Sünde aber enthüllen, ist ein Akt der heiligen Liebe, wenn man bei der Anzeige der Sünde des Bruders dessen Besserung bezweckt; oder es ist ein Akt der Gerechtigkeit, wenn jemand den Bruder anklagt. II. Zu Prov. 24. (cum detractoribus non commiscearis) sagt die Glosse: „An diesem besonderen Laster (der Verkleinerung) leidet beinahe das ganze menschliche Geschlecht.“ Viele Menschen aber sind ohne schwere Sünde; und nur läßliche Sünden finden sich in allen. III. Augustin setzt (de igne purgat hom. 41. de Sanctis) dies unter die geringeren Sünden, „wenn wir mit großer Leichtigkeit und Grundlosigkeit Böses von anderen sagen.“ Das aber nennt man verkleinern. Auf der anderen Seite heißt es Röm. 1.: „Gott haßt die Verkleinerer;“ „damit man diese Sünde nicht für läßlich erachte, weil sie nur in Worten besteht“ fügt die Glosse hinzu.
b) Ich antworte, die Sünden, welche in Worten bestehen, müssen aus der Absicht des sprechenden heraus beurteilt werden. Ihrem Wesen nach aber hat die Verkleinerung den Zweck, den guten Namen eines anderen anzuschwärzen. Jener also, an und für sich betrachtet, verkleinert, der den guten Namen eines anderen in dessen Abwesenheit anschwärzt. Unter den zeitlichen Dingen nun ist der gute Name das kostbarste und wird durch dessen Verminderung der Mensch in zahlreichen Handlungen gehindert. Deshalb heißt es Ekkli. 41.: „Trage Sorge für einen guten Namen; denn das wird dir mehr verbleiben wie große und kostbare Schätze.“ Also ist an und für sich die Verkleinerung eine Todsünde. Es trifft sich aber, daß jemand mit seinen Worten dem guten Namen anderer schadet, ohne dies zu beabsichtigen. Sind nun diese Worte ausgesprochen um eines notwendigen Gutes willen und unter den gehörigen Umständen, so ist dies gar keine Sünde und kann nicht als Verkleinerung bezeichnet werden. Spricht er sie aber aus leichthin ohne notwendige Ursache, so ist dies doch noch keine Todsünde; es müßte denn der Ausdruck ein so schwerwiegender sein, daß derselbe in hohem Grade den guten Ruf verletzte zumal was die Ehrbarkeit anbetrifft, da dies infolge der Art der Worte selber, ohne Rücksicht auf die Absicht, den Charakter der schweren Sünde hätte. Und dann ist der betreffende zur Rückerstattung des guten Namens verpflichtet, wie man im entsprechenden Falle zur Rückerstattung eines anderen Gutes gehalten ist. (Kap. 62, Art. 2.)
c) I. Aus Liebe oder Gerechtigkeit die verborgene Sünde des Nächsten enthüllen ist keine Sünde. II. Jene Glosse sagt „beinahe“; denn „die Menge der Thoren ist endlos und wenige wandeln den Weg des Heiles.“ Und dann giebt es wenige, die nicht hie und da in leichten Dingen gegen den guten Namen des Nächsten sich versündigen; nach Jakob. 3.: „Wer in seinen Worten nicht anstößt, ist ein vollkommener Mann.“ III. Augustin spricht von dem Falle, wenn jemand ohne schlimme Absicht in leichten Dingen gegen den Nächsten spricht.
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