Achter Artikel. Wir müssen für die Feinde beten.
a) Das scheint nicht: I. Alles in der Schrift „ist zu unserer Belehrung geschrieben. (Röm. 15.) In der heiligen Schrift aber stehen viele Verwünschungen gegen Feinde. So Ps. 6.: „Sie sollen erröten und verwirrt werden alle meine Feinde; wenden sollen sie sich und schnell erröten.“ Wir müssen also vielmehr gegen unsere Feinde beten. II. An seinen Feinden Rache nehmen, schließt ein Übel für dieselben ein. Die Heiligen aber beten, sie an ihren Feinden zu rächen, nach Apok. 6.: „Wie lange noch wirst Du warten, bis Du unser Blut rächest an denen auf der Erde.“ Zudem freuen sich die Heiligen an der Rache, welche über die Gottlosen kommt, nach Ps. 57.: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er die Rache sieht.“ III. Die Thätigkeit des Menschen muß nicht seinem Gebete widersprechen. Bisweilen aber bekämpfen die Menschen erlaubterweise ihre Feinde. (Kap. 40, Art. 1.) Also müssen wir nicht für die Feinde beten. Auf der anderen Seite heißt es bei Matth. 5.: „Betet für diejenigen, die euch verfolgen und verleumden.“
b) Ich antworte, für den anderen beten sei der heiligen Liebe eigen. Also wie wir die Feinde zu lieben gehalten sind, so sind wir gehalten, für die Feinde zu beten. Nun müssen wir 1. in den Feinden die Natur lieben, nicht die Schuld; und 2. ist die Feindesliebe nur im allgemeinen geboten, im besonderen Falle einzig gemäß der inneren Bereitwilligkeit des Herzens; daß nämlich der Mensch bereit sei, im besonderen Falle den bestimmten Feind zu lieben und ihm in der Not zu helfen oder wenn derselbe um Verzeihung bittet. Und in dieser Weise dürfen wir, wenn wir für andere beten, die Feinde nicht ausschließen. Daß wir aber für den bestimmten Feind im besonderen beten, das gehört der Vollkommenheit an und ist nicht geboten außer in einzelnen bestimmten Fällen.
c) I. Die Verwünschungen in der Schrift haben einen vierfachen Sinn: 1. insoweit die Propheten „unter der Figur des Verwünschens Zukünftiges vorhersagen“ (Aug. I de serm. dom. in monte c. 21.); — 2. insoweit zeitliche Übel manchmal den Sündern zur Besserung von Gott gesandt werden; — 3. insoweit die Propheten zu Gott stehen, nicht zwar gegen Sünder, sondern gegen das Reich der Sünde, damit nämlich dadurch daß die Menschen sich bessern das Reich der Sünde zerstört werde; — 4. insofern sie sich der göttlichen Gerechtigkeit gleichförmig machen, die da in ewiger Verdammnis bestraft jene, welche in der Sünde verharren. II. „Die Rache der Märtyrer besteht darin, daß das Reich der Sünde zerstört werde, unter deren Herrschaft sie so viel gelitten (Aug. 2. de Qq. Evang. 45.); — oder: „sie fordern, daß sie gerettet werden; nicht mit der Stimme, sondern mit der Vernunft; wie das Blut Abels schrie von der Erde.“ (Qq. V. et N. Test. Qq. 68.) Sie freuen sich an der Rache; nicht wegen dieser, sondern auf Grund der göttlichen Gerechtigkeit. III. Die Feinde darf man bekämpfen, damit sie aufhören zu sündigen. Und so kann man auch um zeitliche Übel für die Feinde bitten, damit sie gebessert werden.
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