Vierter Artikel. Man muß nicht an jenen Rache nehmen, die unfreiwillig gefehlt haben.
a) Nicht allein gegen jene, die von freien Stücken sündigen, muß sich die Rache wenden. Denn: I. Der Wille der einen folgt nicht dem Willen der anderen. Es wird aber einer für den anderen gestraft, nach Exod. 20.: „Ich bin ein eifernder Gott und suche heim die Missethat der Väter an den Kindern bis in das dritte und vierte Geschlecht.“ So wurde auch für die Sünde Chams sein Sohn Chanaan verflucht. (Gen. 9.) Auf Grund der Sünde Ghiezis wurde der Aussatz auf die Nachkommen verpflanzt. (4. Kön. 5.) Das Blut Christi machte schuldig auch die Nachkommen der Juden, die da sagten (Matth. 27.): „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Für die Sünde Achans ward das Volk Israel den Feinden übergeben. (Jos. 7.) Und für die Sünde der Kinder Helis ward das Volk geschlagen von den Philistern. (1. Kön. 4.) Also auch auf jene, die nicht gesündigt, d. h. auf unfreiwillige, kann die Rache sich erstrecken. II. Manchmal wird etwas bestraft, was gar nicht in der Gewalt der Menschen, also gar nicht freiwillig ist; wie wegen des Aussatzes jemand vom Dienste der Kirche entfernt wird, oder wie wegen der Bosheit der Bewohner die Kirche einen Bischofssitz verliert. III. Die Unwissenheit verursacht Unfreiwilligkeit. Die Rache aber trifft manchmal auch unwissende; wie z. B. die kleinen Kinder der Sodomiten, die doch von nichts wußten, zugleich mit den Sodomitern zu Grunde gingen, (Gen. 19.) Auch mit Dathan und Abiron (Num. 16.) sind die kleiner Kinder mit von der Erde verschlungen worden. Die Tiere selbst, die keine Vernunft haben, wurden gemäß dem Befehle Gottes für die Sünden der Amalekiten getötet. Also trifft die Rache bisweilen unfreiwillige. IV. Ambrosius erklärt zu Luk. 5. in princ.: „Das Schiffchen, in dem Judas sich befand, wurde geschüttelt auf den Wassern, so daß nun Petrus, der durch seine eigenen Verdienste wohl fest war, trotzdem auf Grund fremder Sünden geschüttelt wurde.“ V. Der Zwang widerstreitet im höchsten Grade dem Freiwilligen. Wer aber durch Furcht bezwungen eine Sünde begeht, vermeidet deshalb nicht die Schuld der Strafe. Auf der anderen Seite wird Strafe nur der Sünde geschuldet. Jede Sünde aber ist etwas Freiwilliges.
b) Ich antworte, die Strafe als Strafe sei nur der Sünde geschuldet, da durch die Strafe eben das Gleichmaß der Gerechtigkeit hergestellt wird insofern, daß wer in der Sünde zu sehr seinem eigenen Willen gefolgt ist, etwas gegen seinen Willen erleidet. Da also jede Sünde, auch die Erbsünde etwas Freiwilliges ist, so wird niemand für etwas bestraft, was nicht freiwillig geschehen ist. Die Strafe aber als Heilmittel oder Medizin soll nicht nur von der begangenen Sünde heilen, sondern auch vor zukünftigen Sünden schützen oder etwas Gutes befördern; und danach wird bisweilen jemand bestraft ohne Schuld, aber nicht ohne Grund. Ein Heilmittel nun entzieht niemals ein größeres Gut, um ein geringeres zu befördern; wie eine leibliche Medizin niemals die Sehkraft nimmt um die Ferse zu heilen; — wohl aber schadet es manchmal in Geringerem um Besseres zu befördern. Deshalb wird manchmal jemand in Geringerem, nämlich mit Entziehung zeitlicher Güter, bestraft, damit er Güter im höchsten Grade, nämlich geistige, erwerbe; z. B. Demut, Geduld. Niemals aber wird jemand in geistigen Gütern bestraft ohne eigene Schuld, weder in diesem noch in jenem Leben; denn in letzterem sind die Strafen nicht mehr Heilmittel, sondern Folgen der ewigen Verdammnis.
c) I. Die Seele wird nie gestraft für die Sünde eines anderen; denn der Seele nach ist jeder persönlich frei. Der Körper aber wird bisweilen gestraft für die Sünde eines anderen; und zwar aus drei Gründen. Denn 1. ist den zeitlichen Verhältnissen nach der eine bisweilen dem anderen zugehörig und wird deshalb zur Strafe dieses anderen bestraft. So sind dem Körper nach die Kinder dem Vater zugehörig, der Knecht dem Herrn. 2. Die Sünde des einen geht manchmal auf den anderen über; und zwar entweder durch Nachahmung, wie die Kinder die Sünden der Eltern nachahmen, die Knechte die der Herren, weil sie dann mit mehr Offenheit sündigen können; oder in der Weise des Verdienens, wie die Sünden der Unterthanen einen Sünder als Fürsten verdienen, nach Job. 34.: „Der da macht, daß ein Heuchler herrscht wegen der Sünden des Volkes;“ deshalb wurde wegen der Sünde Davids, der das Volk zählen ließ, das Volk Israel bestraft (2. Kön. ult.); — oder es geht die Sünde des einen auf den anderen über auf Grund einer gewissen Zustimmung oder wegen gewissermaßen zustimmenden oder die Sünde zudeckenden Schweigens; wie manchmal die Guten mit den Bösen bestraft werden, weil sie deren Sünden nicht straften oder nicht die Sünder deshalb zurechtwiesen, wie Augustin (1. de civ. Dei 9.) sagt. 3. Es wird dadurch, daß die Sünde des einen im Körper des anderen bestraft werde, die Einheit der menschlichen Gesellschaft empfohlen, damit der eine um den anderen sich kümmere, daß dieser nicht sündige. Oder es soll um so mehr die Sünde verabscheut werden, da die Sünde des einen alle umschließt, als ob sie alle ein Körper wären, wie Augustin über die Sünde Achans sagt. (Qq. sup. Josue qu. 8.) Was aber der Herr spricht: „Ich werde die Sünden der Eltern heimsuchen an den Kindern bis in das dritte und vierte Geschlecht;“ scheint mehr der Barmherzigkeit anzugehören wie der Strenge; da der Herr demgemäß nicht gleich straft, sondern wartet, damit wenigstens die Nachkommen sich bessern, wogegen, wenn die Bosheit dieser letzteren wächst, es gleichsam notwendig ist, die Rache walten zu lassen. II. Nach Augustin (I. c.) muß der menschliche Richterstuhl den göttlichen nachahmen in den offenbaren Urteilssprüchen Gottes, vermittelst deren er die Seelen der Menschen verdammt für die eigene, der Seele, Sünde. Die verborgenen Urteile Gottes, kraft deren Er zeitlich einige bestraft, trotzdem sie ohne Schuld sind, darf das menschliche Urteil nicht nachahmen; denn der Mensch kann die Gründe solcher Urteile nicht begreifen, daß er nämlich wisse, was für einen jeden förderlich ist. Nach menschlichem Urteile also darf niemand ohne Schuld durch Geißelschläge, den Tod oder Verstümmelung u. dgl. bestraft werden. Einen gewissen Nachteil oder Mangel aber erleidet mancher, auch nach menschlichem Urteile, ohne Schuld; und zwar in dreifacher Weise: 1. wenn jemand ohne seine Schuld ungeeignet wird, um ein Gut zu haben oder zu erwerben, wie wegen des Aussatzes jemand vom Dienste der Kirche entfernt; und jemand, der zweimal verheiratet war oder ein Bluturteil gefällt hat, nicht zu den heiligen Weihen zugelassen wird; — 2. wenn das Gute, mit Bezug worauf er einen Nachteil erleidet, dem Gemeinwesen gehört, nicht ihm selbst; wie z. B. eine Kirche Bischofssitz ist zum Besten der ganzen Stadt und nicht allein zum Besten der Kleriker; — 3. wenn das Gut im einen abhängt vom Gute im anderen, wie wegen Majestätsverbrechen der Sohn das Erbe des Vaters verliert. III. Die kleinen Kinder werden mitbestraft mit den Eltern: sowohl weil sie den Eltern zugehören und in ihnen demnach die Eltern gestraft werden, als auch weil dies zu ihrem Besten gereicht, damit sie nicht, größer geworden, die Bosheit ihrer Eltern nachahmen und so schwerere Strafen verdienen. Die Rache erstreckt sich ferner auch auf die Tiere, weil sie ein Besitz der Übeltäter sind und um Abscheu vor der Sünde zu erregen. IV. Der von der Furcht ausgehende Zwang bewirkt nicht schlechthin Unfreiwilligkeit, sondern nur einen Mangel an vollendeter Freiwilligkeit. V. Die Apostel wurden in der Weise für die Sünde des Judas mit verwirrt, wie wegen der Sünde eines einzigen die Menge bestraft wird um die Einheit zu empfehlen.
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