Siebenter Artikel. Die Mäßigkeit ist eine Kardinaltugend.
a) Dem scheint nicht so: I. Der Wert der moralischen Tugend hängt von ihrer Stellung zur Vernunft ab. Der Gegenstand der Mäßigkeit aber, die Ergötzungen nämlich des Tastsinnes, ist weit entfernt von der Vernunft. Also ist sie keine Haupttugend. II. Der Zorn scheint schwerer zu zügeln zu sein wie die Ergötzung; denn von ihm kommt ein stärkerer Anstoß: „Der Zorn hat kein Erbarmen sowie auch die ausbrechende Wut; und wer kann das Rasen des erregten Geistes aushalten?“ (Prov. 27.) Also ist die Sanftmut vielmehr eine Haupttugend. III. Die Hoffnung als Thätigkeit der Seele steht voran dem Verlangen und der Begierde. Die ungeregelte Vermessenheit der Hoffnung aber zügelt der demutsvolle Geist. Also ist die Demut vielmehr eine Haupttugend. Auf der anderen Seite steht die Autorität Gregors. (2. moral. 26.)
b) Ich antworte, Haupt- oder Kardinaltugend werde eine Tugend genannt, welche vorzugsweise Lob verdient, weil ein zur Tugend im allgemeinen gehöriges Element da die erste leitende Stelle einnimmt. Nun wird das Maßhalten für jede Tugend erfordert; zugleich aber ist dasselbe vorzugsweise lobenswert mit Rücksicht auf die Ergötzungen des Tastsinnes: 1. weil solche Ergötzungen so sehr unserer Natur entsprechen und deshalb die Begierden danach um so schwerer zu zügeln sind; 2. weil die Gegenstände derselben im höchsten Grade dem gegenwärtigen Leben notwendig sind. Und sonach ist die Mäßigkeit eine Kardinal- oder Haupttugend.
c) I. Um desto mehr zeigt sich die Stärke einer Kraft, je weiter sie bis zu sehr Fernstehendem reicht. Um so größer erscheint also die Kraft der Vernunft, weil sie sogar ihr so Fernstehendes, wie die Begierden und Ergötzungen des letzten und niedrigsten der Sinne, regeln kann. II. Der Anstoß im Zorne kommt aus etwas Zufälligem, Äußerlichen; nämlich von einer Verletzung, die da betrübt; und somit geht der Zorn schnell vorüber, wenn er auch heftig auftritt. Die Ursache der Ergötzlichkeiten und Begierlichkeiten des Tastsinnes aber ist eine in der Natur selbst gelegene, und somit ist sie im Menschen langwieriger und umfassender. Und danach besteht dafür eine Haupttugend. III. Worauf gehofft wird, das steht höher wie der Gegenstand der sinnlichen Begierde; und deshalb ist Hoffnung die Hauptleidenschaft in der Abwehrkraft. Was aber begehrt wird als Ergötzung des Tastsinnes, regt mehr das Begehren auf; denn es entspricht der Natur in höherem Grade. Und danach ist die Mäßigkeit, welche nach dieser Seite hin die rechte Mitte aufstellt, Haupttugend.
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