Dritter Artikel. Fasten fällt unter das Gebot.
a) Dagegen spricht Folgendes: I. Das Fasten ist ein freiwilliges, der eigenen Person auferlegtes Werk, das nur Gegenstand des Rates sein kann. Sonst wäre es immer und überall und gleichmäßig zu beobachten. II. Wer ein Gebot übertritt, sündigt schwer. Das wäre aber ein Fallstrick für viele Menschen, wenn jeder, der nicht fastete, schwer sündigen würde. III. Augustin sagt (de vera relig. 17.): „Von der fleischgewordenen Weisheit Gottes selbst, durch die wir zur Freiheit berufen werden, sind wenige äußerst heilsame Sakramente eingesetzt worden, welche die Gemeinschaft des christlichen Volkes, d. i. der unter Gott frei gewordenen Menge, zusammen halten sollen.“ Nicht minder aber wie durch viele Sakramente würde durch viele Gebräuche die Freiheit des christlichen Volkes beeinträchtigt werden; weshalb derselbe Augustin (ep. 55.) sich beklagt: „Diese unsere Religion selbst, welche unter der feierlichen Anwendung offenbarer und weniger Sakramente der barmherzige Gott frei wissen wollte, drücken sie nieder mit knechtischen Werken.“ Also mußte kein Fastengebot von der Kirche gegeben werden. Auf der anderen Seite schreibt Hieronymus ep. 28. über das Fasten: „Jede Provinz möge an ihrem Sinne und ihren Gebräuchen festhalten und soll die Vorschriften der Väter für Apostolische Gesetze halten.“ Also ist Fasten eine Vorschrift.
b) Ich antworte, wie den weltlichen Fürsten es zugehört die Gebote des Naturrechtes zum Zwecke der Ordnung im bürgerlichen zeitlichen Gemeinwesen näher zu bestimmen; so gehöre es den Kirchenoberen zu, mit Vorschriften das festzusetzen, was zum gemeinsamen Nutzen der Gläubigen um geistiger Güter willen zu beobachten ist. Nun ist oben gesagt worden, wie das Fasten nützlich ist, um die Sünde zu verhindern, um zu büßen, und den Geist zu göttlichen Dingen zu erheben; somit ist danach jeder kraft der natürlichen Vernunft gehalten, so viel zu fasten als zu besagten Zwecken erforderlich ist. Das Fasten also im allgemeinen fällt unter die Vorschriften des Naturrechtes. Die weitere Bestimmung der Zeit aber und der Art und Weise des Fastens, wie dies der Nutzen und das Heil des christlichen Volkes entsprechend verlangt, fällt unter die Vorschriften des positiven Rechtes, welches von den Kirchenoberen aufgestellt worden.
c) I. Das Fasten an sich besagt nur eine Strafe. Es wird Gegenstand der freien Wahl erst unter dem Gesichtspunkte eines Zweckes, dem es dient. Also schlechthin ist es nicht ein Gebot. Es ist ein Gebot, nur insoweit man desselben bedarf. Die Menge der Menschen aber bedarf für gewöhnlich eines solchen Heilmittels; denn „in vielen Dingen beleidigen wir alle Gott“ (Jakob 3.) und „das Fleisch begehrt gegen den Geist.“ (Galat. 5.) Also war es zukömmlich, daß die Kirche einige Fasten vorschrieb, welche alle Gläubigen beobachten müssen; nicht als ob sie vorschreiben wollte, was seinem Wesen nach reiner Ausfluß des freien Willens ist, sondern um in besondere einzelne Bestimmungen zu fassen, was für alle notwendig ist. II. Die Vorschriften, welche der Gesetzgeber für das Gemeinwesen giebt, verpflichten nicht alle Glieder des letzteren in ganz der nämlichen Weise; sondern gemäß dem Zwecke, welchen der Gesetzgeber beabsichtigt. Wer also in seiner Übertretung das betreffende Gesetz verachten will oder wer den Zweck vereitelt, welcher den Gesetzgeber geleitet hat; der sündigt schwer. Wer aber die bezügliche Vorschrift nicht beobachtet auf Grund einer vernünftigen Ursache, zumal in einem Falle, in welchem der Gesetzgeber, wenn er anwesend wäre, erklären würde, die Vorschrift sei nicht zu beobachten; der sündigt nicht schwer. Also begehen nicht alle, welche das Fastengebot der Kirche nicht beobachten, eine Todsünde. III. Augustin spricht hier von solchen Gebräuchen, welche weder durch die heilige Schrift noch durch allgemeine Konzilien noch durch allgemeine Gewohnheit in der Kirche geheiligt und vorgeschrieben sind. Die Fastenvorschriften aber kommen von Konzilien und von der allgemeinen Gewohnheit der Kirche. Sie sind auch nicht gegen die Freiheit des christlichen Volkes; sondern fördern die geistige Freiheit, indem sie die Knechtschaft der Sünde hindern, nach Gal. 5.: „Ihr, Brüder, seid zur Freiheit gerufen; machet aber nur daraus keinen Anlaß, den fleischlichen Begierden nachzugehen.“
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