Achter Artikel. Es ist zukömmlich, daß den fastenden der Genuß von Fleisch, Eier und Milchspeisen untersagt ist.
a) Das Gegenteil scheint wahr. Denn: I. Das Fasten soll die Begierden zügeln. Diese aber reizt mehr der Wein wie das Fleisch, nach Prov. 20.: „Etwas Wollüstiges ist der Wein,“ und Ephes. 5.: „Betrinket euch nicht mit Wein; denn darin ist Wollust.“ Also mußte man vielmehr den Wein verbieten wie das Andere. II. Manche Fische schmecken eben so gut wie Fleisch. III. Bisweilen kann man an Fasttagen Eier und Käse essen. Also müßte das auch in der vierzigtägigen Faste erlaubt sein. Auf der anderen Seite steht der allgemeine Brauch.
b) Ich antworte, das Fasten solle dienen zur Mäßigung der Begierden des Fleisches; insoweit diese sich auf das Ergötzliche im Tastsinne richten: auf Speisen und Geschlechtliches. Deshalb hat die Kirche jene Speisen den fastenden untersagt, welche einerseits reichliches Ergötzen zur Folge haben und andererseits zu Geschlechtlichem reizen. Dazu gehört nun das Fleisch von Tieren, die da atmen und auf dem Erdboden ihre Brutstätte haben, sowie das, was von diesen ausgeht: die Milch also mit Bezug auf die Tiere, die laufen; und die Eier, die von den Vögeln kommen. Denn weil solche Speisen mehr der Zusammensetzung des menschlichen Körpers entsprechen, ergötzen sie auch mehr und tragen in höherem Grade zur Nahrung bei; und so läßt die Verdauung eine reichlichere Substanz übrig, damit dieselbe in die Substanz des Samens übergehe, dessen Vervielfältigung ein im höchsten Grade starkes Reizmittel für die Wollust bildet.
c) I. Zum Zeugungsakte gehören drei Dinge: 1. die Wärme, 2. der Trieb, 3. der Samensaft. Zur Wärme tragen im hohen Grade bei der Wein und andere erwärmende Dinge. Den Trieb scheint Alles zu steigern, was aufbläht. Zur Vermehrung des Samens selber dient am meisten der Genuß von Fleisch. Nun geht die Steigerung der Wärme und des Triebes schnell vorüber; die Substanz des Samens aber bleibt. Und danach wird beim Fasten vielmehr der Genuß von Fleisch untersagt, wie der von Wein und der von Gemüse, was aufbläht. II. Die Kirche giebt in ihren Vorschriften acht auf das gewöhnliche Leben. Da ist aber gemeinhin mehr ergötzlich der Genuß von Fleisch wie der von Fischen, wenn auch in besonderen Fällen es sich anders verhalten kann. III. An erster Stelle wird Fleisch untersagt und erst an zweiter Milch und Eier; nämlich das, was von den Tieren ausgeht, welche das Fleisch bieten. Unter den verschiedenen Fasten ist sodann das feierlichste das vierzigtägige; sowohl weil es zur Erinnerung an das Leiden Christi gehalten wird, als auch weil wir durch dasselbe vorbereitet werden, die Geheimnisse unserer Erlösung würdig zu begehen. Deshalb ist bei allen Fasten der Genuß des Fleisches untersagt; in der vierzigtägigen Faste aber auch der von Milch und Eiern, obgleich mit Bezug auf den letzten Punkt verschiedene Gewohnheiten bestehen bei den verschiedenen Kirchen,zu deren Einhaltung jeder in seiner Gegend verpflichtet ist: „Eine jede Provinz folge ihrem Sinne und die Vorschriften der Vorfahren halte sie für Apostolische Gesetze,“ sagt Hieronymus. (Vgl. oben.)
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