Dritter Artikel. Es können verschiedene Stufen der Prophetie unterschieden werden gemäß dem Schauen in Phantasiebildern.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Stufen in einem Dinge erwägt man nicht gemäß dem, was um etwas Anderes willen da ist, sondern gemäß dem, was um seiner selbst willen da ist. Um seiner selbst willen aber wird gesucht das rein geistige Schauen der Prophetie; um etwas Anderes willen das Schauen durch das Phantasiegebilde. Also das letztere Schauen bietet keine Grundlage für eine Unterscheidung von Stufen in der Prophetie. II. In einem einzigen Propheten scheint nur eine einzige Stufe der Prophetie zu aein. Ein und demselben Propheten aber wird bisweilen prophetische Erleuchtung nach verschiedenartigen Phantasiegebilden. III. „Die Prophetie besteht in Aussprüchen, Thatsachen, Traumgebilden und Gesichten,“ nach Cassiodor (sup. prol. Hieron.). Also darf die Prophetie nicht mit größerem Rechte eine Unterscheidung zulassen nach den Phantasiegebilden, zu denen Traum und Gesicht gehören, wie gemäß den Worten und Thatsachen. Auf der anderen Seite ist der vermittelnde Beweisgrund die maßgebende Richtschnur für die Stufen der Kenntnis; wie die Wissenschaft, in welcher die innere Wesensform, das propter quid, des Gegenstandes der leitende Beweisgrund ist und somit die Kenntnis vermittelt, höher steht wie jene Wissenschaft, wo nur das Dasein, das quia est, also die Wirkungen, der vermittelnde Beweisgrund ist. Die Phantasiegebilde aber in der prophetischen Kenntnis sind wie etwas Vermittelndes. Also müssen die Stufen der Prophetie unterschieden werden gemäß den Phantasiegebilden.
b) Ich antworte, die prophetische Kenntnis vermittelst der Phantasiegebilde stehe in der Mitte zwischen der prophetischen Kenntnis vermittelst rein geistigen Schauens und der rein natürlichen Kenntnis, welche den Menschen im gewöhnlichen Leben führt. Nun ist der Prophetie es mehr entsprechend, zu erkennen wie zu handeln. Und somit ist die niedrigste Stufe der Prophetie jene, wo jemand auf göttlichen Antrieb hin bewegt wird, um etwas nach außen hin zu thun. Dahin gehört die That Samsons, „in den der Geist des Herrn mit großer Kraft eintrat; und wie unter der Glut des Feuers das Holz verzehrt zu werden pflegt, so rissen die Fesseln, mit denen er gebunden war.“ (Richt. 15, 14.) Die zweite Stufe der Prophetie ist, wenn jemand innerlich prophetisch erleuchtet wird, um etwas zu erkennen, was die natürlichen Grenzen der Vernunft nicht übersteigt; wie von Salomo (3. Kön. 4.) zu lesen, daß er Parabeln sprach und disputierte über alle Bäume, von der Ceder des Libanon an bis zum Hyssop, welcher aus der Wand kommt und lehrte über Tiere …“ Das Alles kam von göttlicher Einsprechung; denn es wird vorausgeschickt: „Es gab Gott dem Salomo Weisheit und überaus große Klugheit.“ Diese beiden Stufen sind nicht die eigentliche Prophetie; denn sie haben nicht zum Gegenstande das Übernatürliche. Jene Prophetie nun,H. Thomas v. A., theolog. Summa. VII. 64 welche auf die übernatürliche Wahrheit als Offenbarungsgegenstand sich richtet, wird 1. unterschieden nach der Verschiedenheit des Traumbildes, das auf den schlafenden Zustand geht, und des Gesichtes, das man im wachenden Zustande hat; denn einer größeren prophetischen Kraft bedarf es, um jemanden im wachenden Zustande von der Beschäftigung mit der Außenwelt abzuziehen als wenn dies im Schlafe geschieht. Die Stufen der Prophetie werden 2. unterschieden nach der Ausdrucksfähigkeit der bezeichnenden Phantasiebilder. Je ausdrucksvoller also diese Zeichen sind, desto höher ist die Stufe der Prophetie, wie Jerem. 1. sah den Brand der Stadt unter dem Zeichen eines siedenden Topfes. Da nun scheint jene Prophetie höher zu stehen, wo die Worte selber gehört werden, welche der geistigen Wahrheit zum Ausdrucke dienen, wie jene, wo nur Zeichen gesehen werden, z. B. Gen. 41. die sieben vollen Ähren. 3. scheint die Stufe der Prophetie eine noch höhere zu sein, wenn der Prophet nicht nur Zeichen sieht oder Worte hört, sei es im Schlafen oder im Wachen, sondern auch eine Person, die mit ihm spricht oder ihm etwas zeigt; denn dadurch nähert sich der Prophet mehr und mehr der offenbarmachenden Ursache. Der vierte Unterschied läßt sich ableiten aus den Verhältnissen dessen, der gesehen wird. Denn höher ist die Stufe, wenn jener, der spricht oder etwas zeigt, die Gestalt eines Engels hat oder nur die eines Menschen; und noch höher ist jene Stufe, wo der Prophet ihn sieht in der Gestalt Gottes selbst wie Isaias 61.: „Ich sah den Herrn sitzend.“ über alle diese Stufen freilich steht die Prophetie vermittelst des rein geistigen Schauens; doch ist diese nicht den „Propheten“ als solchen eigen, wie im vorigen Artikel ad III gezeigt worden. Und somit werden die Stufen der eigentlich so genannten Prophetie unterschieden nach der Beschaffenheit der Phantasiebilder und des demgemäßen Schauens.
c) I. Die verschiedene Beschaffenheit des geistigen Lichtes kann von uns nur erkannt werden, je nachdem es vermittelst einiger sichtbarer Zeichen oder der Phantasiegebilde beurteilt wird. Und deshalb hängt von der Verschiedenheit der letzteren ab die Erwägung der Verschiedenheit in den Stufen des prophetischen Lichtes. II. Die Prophetie ist kein dauernder Zustand, sondern wie ein vorüber gehender Eindruck. Also kann ein und demselben Propheten in verschiedenen Malen gemäß verschiedenen Abstufungen die prophetische Erleuchtung werden. III. Die Worte und Thatsachen, von denen da die Rede, gehören nicht zum Offenbarwerden der prophetischen Wahrheit, sondern zu deren Verkündigung; und diese letztere geschieht nach den Verhältnissen und der Lage derjenigen, welchen das dem Propheten Geoffenbarte verkündet wird; also je nach der Gelegenheit durch Worte oder Thatsachen. Solche Verkündigung aber und das Wunderwirken verhält sich wie etwas Nachfolgendes zur Prophetie. (Kap. 171, Art. 1.)
