Vierter Artikel. Paulus war in der Verzückung den Sinnen entfremdet.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Augustin sagt (12. sup. Gen. ad litt. 28.): „Warum sollen wir nicht glauben, daß einem so großen Lehrer Gott hat zeigen wollen jenes überaus selige Leben, in dem wir nach diesem Leben leben sollen in Ewigkeit?“ Aber in jenem seligen Leben werden die Heiligen nach der Auferstehung das Wesen Gottes schauen, ohne den Sinnen entfremdet zu werden. Also war auch Paulus nicht den Sinnen entfremdet. II. Christus war zugleich Erdenpilger und Seliger. Er war aber nicht von Sinnen. Also war dies auch für Paulus nicht notwendig. III. Paulus hat sich nach der Verzückung dessen erinnert, was er da geschaut; denn er sagt: „Ich habe geheime Worte gehört, die der Mensch nicht aussprechen kann.“ Nun gehört aber das Gedächtnis zum sinnlichen Teile des Menschen, (Arist. de mem. 1.) Also war Paulus nicht den Sinnen entfremdet. Auf der anderen Seite sagt Augustin (l. c. 27.): „Wenn nicht diesem Leben jemand gewissermaßen erstirbt, sei es daß er den Körper verläßt oder dem fleischlich-sinnlichen Teile entfremdet ist und so thatsächlich nicht weiß, ob er im Körper ist oder nicht, wie der Apostel sagt, wird er nicht in jenes Schauen fortgerissen.“
b) Ich antworte, das Wesen Gottes könne nicht anders gesehen werden wie durch die Vernunft. Die menschliche Vernunft aber wendet sich, um zu verstehen, zu den Phantasiebildern, damit sie davon die reinen Ideen ablöse; und diese Phantasiebilder kommen von den äußeren Sinnen. Wo also in einer Thätigkeit der Vernunft von den Phantasiebildern abgesehen wird, da wird auch von der Thätigkeit der äußeren Sinne abgesehen. Soll aber die Vernunft eines Erdenpilgers die göttliche Wesenheit schauen, so muß dieselbe notwendig von den Phantasiebildern absehen. Denn nicht vermittelst eines Phantasiebildes kann das göttliche Wesen geschaut werden, ja nicht einmal vermittelst einer geschöpflichen Idee; denn das göttliche Wesen überragt unendlich alles Körperliche und alle Geschöpfe überhaupt. Es ist aber notwendig, daß, wenn der Geist des Menschen erhoben wird zu dem über alles Maß hohen Schauen des Wesens Gottes, die ganze Aufmerksamkeit des Geistes in gespanntester Weise sich dahin richte, so daß er nichts Anderes aus Phantasiebildern erkenne, sondern ganz und gar zu Gott sich wende. Also unmöglich kann jemand in diesem Leben Gottes Wesen schauen und zugleich mit seinem sinnlichen Teile thätig sein.
c) I. In der Herrlichkeit des Himmels wird der Glanz der Seele überströmen auf den Körper; und danach wird unter Leitung selbst der seligen Anschauung die Seele auf die Phantasiebilder und die sichtbaren Dinge sich richten. Ein solches Überströmen findet bei einer derartigen Verzückung nicht statt. II. Die Vernunft der Seele Christi war mit dem Lichte der Herrlichkeit nach Weise eines Zustandes ausgestattet, so daß sie das göttliche Wesen in weit höherem Grade schaute wie irgend ein Engel oder Mensch. Erdenpilger war Christus wegen der Leidensfähigkeit des Körpers, gemäß welcher Er in etwa minder war wie die Engel. (Ps. 8.) Da ist also kein Vergleich. III. Paulus erinnerte sich an das in der Verzückung Geschaute kraft einiger Ideen, welche ihm in zuständlicher Weise eingeprägt worden. So bleiben auch, wenn der sinnlich wahrnehmbare Gegenstand fort ist, in der Seele einige Eindrücke des Einzelnen, durch deren Vergleich mit den Phantasiebildern sie sich des Wahrgenommenen erinnert. Deshalb konnte Paulus auch nicht jenes ganze Schauen noch einmal ganz und gar durchdenken oder mit Worten ausdrücken.
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