Sechster Artikel. Die Thätigkeit der Betrachtung ausgedrückt 1. durch die Kreisbewegung, 2. durch die Bewegung in gerader Richtung und 3. durch die Bewegung in schiefer Richtung.
a) Ein solcher Ausdruck der betrachtenden Thätigkeit ist unzulässig. Denn: I. Die Betrachtung ist Ruhe des Geistes, nach Sap. 8, 16. Also kann sie nicht durch Bewegungen zum Ausdrucke gebracht werden. II. Die betrachtende Thätigkeit hat der Mensch mit den Engeln gemeinsam. Da aber drückt sie Dionysius anders aus. Denn 4. de div. nom. part. 1. sagt er: „Die Kreisbewegung mit Rücksicht auf den Engel sei gemäß den Erleuchtungen des Schönen und Guten; die Kreisbewegung mit Rücksicht auf die Seele aber sei:
a) der Eintritt der Seele von den äußeren Dingen zu sich selbst;
b) das Zusammenziehen ihrer Kräfte, wodurch die Seele vom Irrtume befreit wird und von der Beschäftigung mit äußeren Dingen;
c) die Einigung mit dem, was über ihr ist.“ Ähnlich geht es mit der Bewegung in gerader Richtung. Denn „die Bewegung in gerader Richtung für den Engel ist jene, kraft deren er für das ihm Untergebene Vorsorge trifft; für die Seele aber besteht dieselbe
a) darin, daß sie vorgeht auf das zu, was um sie herum ist;
b) daß sie von der Betrachtung des Äußerlichen zu der des Einfachen sich erhebt.“ Ebenso bezeichnet er die Bewegung in schiefer Richtung „als eine solche in den Engeln, daß sie für das Niedrigere Vorsorge treffen, und doch immer dieselben bleiben mit Rücksicht auf das Göttliche; in der menschlichen Seele aber als eine solche, daß die Seele erleuchtet wird durch göttliche Kenntnis in einer ihrer Vernunft angemessenen und sich in alle ihre Kräfte verbreitenden Weise.“ Also zeigt schon dies selbst, daß Dionysius die nämliche betrachtende Thätigkeit der Engel und der Seelen mit Rücksicht auf den Ausdruck dieser Thätigkeit durch körperliche Bewegungen in verschiedener Weise kennzeichnet, wie eine solche Kennzeichnung überhaupt für die Seele nicht angemessen ist. III. Richardus von St. Viktor (I. c.) nimmt noch viele andere Unterschiede in den Bewegungen an gemäß der Ähnlichkeit mit den geflügelten Wesen: „Manche derselben erheben sich bald in die Höhe bald tauchen sie in die Tiefe und wiederholen das oft; andere wenden sich bald nach rechts bald nach links und zwar sehr oft; andere wieder bewegen sich häufig nach vorn oder nach hinten; wieder andere drehen sich im Kreise und zwar bald in einem weiter ausgedehnten bald in einem engeren; noch andere bleiben unbeweglich wie hängend an der nämlichen Stelle.“ Dies Alles aber als Ausdruck des betrachtenden Geistes anzusehen, ist unstatthaft. Auf der anderen Seite steht die Autorität des heiligen Dionysius (I. c.).
b) Ich antworte, „Bewegung“ werde die Thätigkeit der Vernunft genannt als ein einfaches Thätigsein dessen, was bereits vollendetes Sein hat, als actus perfecti (d. h. dessen, was nicht erst im Vermögen zumthatsächlichen Sein ist). Weil aber unsere Kenntnis vom Sichtbaren her beginnt und die Thätigkeiten der sichtbaren Dinge ohne Bewegung nicht vor sich gehen; deshalb werden die Thätigkeiten der Vernunft wie Bewegungen beschrieben, gemäß der Ähnlichkeit der verschiedenen Bewegungen von Ort zu Ort, welche die vollendetsten sind. (8 Physic.) Unter diesen aber giebt es drei Arten: die Kreisbewegung, d. h. die gleichförmige Bewegung um einen Mittelpunkt herum; die gradlinige, wonach etwas von einem Orte zum anderen geht; die schiefe oder krumme, welche aus beiden sich zusammensetzt. Was also in den Thätigkeiten der Vernunft schlechthin Gleichsörmigkeit hat, wird durch die Kreisbewegung ausgedrückt; soweit von Einem zum Anderen vorgegangen wird, durch die gradlinige; soweit darin Gleichförmiges mit dem Vorgehen vom Einen zum Anderen gemischt ist, wird dies durch die schiefe oder krummlinige Bewegung ausgedrückt.
c) I. Die körperlichen äußeren Bewegungen widersprechen der Ruhe der Betrachtung; die innere vernünftige Thätigkeit aber macht letztere gerade aus. II. Der „Art“ nach ist die Vernunft die nämliche im Engel wie im Menschen; jedoch ist gemäß der engeren Gattung die des Engels weit höher wie im Menschen. Denn 1. hat die Engelvernunft gleichförmige Kenntnis,
a) weil sie dieselbe nicht aus zusammengesetzten Dingen schöpft, und
b) weil sie nicht erkennt durch Schließen vom Einen auf das Andere, sondern durch einfaches Anschauen oder Erfassen, was bei der Seele nicht der Fall ist. Deshalb drückt Dionysius die Kreisbewegung bei den Engeln dahin aus, daß sie gleichförmig und unaufhörlich ohne ein anderes Princip zu bedürfen und ohne Ende Gott schauen, wie die Kreisbewegung ohne Anfang und Ende gleichförmig um den Mittelpunkt sich wendet. Bevor aber die Seele zu dieser Gleichförmigkeit gelangt, muß eine doppelte Unähnlichkeit entfernt werden; die erste kommt von der Verschiedenheit der äußeren Dinge und mit Bezug darauf verläßt die Seele diese äußeren Dinge und „tritt zu sich selber ein von den äußeren Dingen sich entfernend;“ — die zweite Unähnlichkeit kommt von der Notwendigkeit, das Eine aus dem Anderen zu schließen; und mit Bezug darauf werden alle Thätigkeiten der Seele zurückgeführt auf das einfache Erfassen und Erschauen der vernünftig erkennbaren Wahrheit, „es ist notwendig das Zusammenziehen der dem Erkennen dienenden Kräfte.“ Darin ist kein Irrtum, wie ja auch nicht geirrt wird rücksichtlich der ersten Principien, welche wir ja ebenfalls, ohne zu schließen, einsach erfassen oder schauen. Darauf folgt nun in der Seele das, worin sie den Engeln ähnlich ist, sie haftet an dem einfachen Schauen Gottes, „gleichförmig gemacht und geeint in ihren Kräften wird sie nun zum Guten und Schönen geführt.“ 2. Die gradlinige Bewegung kann ebenfalls in den Engeln nicht ausgedrückt gefunden werden wie bei uns, als ob diese etwa schließend vorgingen vom Einen zum Anderen; sondern nur so, daß sie vorsorgen für die ihnen untergebenen, wonach ein Engel den anderen, niederen, erleuchtet: „In gerader Linie bewegen sich die Engel, wenn sie vorgehen, Vorsorge zu haben für die untergebenen, alles Dazwischenliegende in gerader Linie durchschreitend.“ Dagegen ist die gradlinige Bewegung der Seele die, daß sie von der Wahrnehmung der äußeren Dinge aus vorgeht zur Kenntnis des rein Vernünftigen. 3. Die krumme, gemischte Bewegung wird endlich bei den Engeln in der genannten Weise ausgedrückt, weil sie gemäß der Anschauung Gottes sorgen für die niederen; während dagegen die krumme Bewegung bei der Seele dadurch ausgedrückt ist, daß sie sich beim Schließen vom Einen auf das Andere göttlicher Erleuchtungen bedient. III. Diese Verschiedenheit in der Bewegung nach oben und unten, nach rechts und links, vorn und hinten etc. sind enthalten in der gradlinigen oder in der schiefen Bewegung; denn durch dies Alles wird das Schließen der Vernunft vom Einen auf das Andere bezeichnet. Vollzieht sich dieses Schließen von der „Art“ her zur Gattung hin oder vom Ganzen zum Teil, so ist dies nach Richardus selber die Bewegung von oben nach unten; — geht es von einem Gliede des Gegensatzes zum anderen Gliede, so ist es von rechts nach links; — ist es von den Ursachen auf die Wirkungen, so heißt dies sich bewegen von vorn nach hinten; — wird geschlossen endlich aus den Umständen, den hinzutretenden Eigenschaften oder Accidentien, die „herumstehen“, so ist dies im Kreise. Das Vorgehen der Vernunft durch Schließen vom Sichtbaren zum rein Vernünftigen gemäß der Richtschnur der geraden natürlichen Vernunft, ist die gradlinige Bewegung; krumm oder schief ist letztere, wenn sie gemäß göttlicher Erleuchtungen sich vollzieht. Das unbewegliche Hängen, was Richardus an letzter Stelle erwähnt, gehört zur Kreisbewegung. Daraus geht hervor, daß Dionysius viel scharfsinniger und ausreichender die Bewegung der betrachtenden Thätigkeit beschreibt.
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