Vierter Artikel. Vollkommen sein und im Stande der Vollkommenheit sein ist nicht dasselbe.
a) Dies scheint aber. Denn: I. Wie durch körperliche Nahrung jemand zur körperlichen Vollendung gelangt, so durch geistige zur geistigen. Nach erlangter körperlicher Entwicklung aber ist jemand im Zustande des reifen Alters. Also ist, wenn jemand durch geistige Nahrung vollkommen geworden, er im Stande der Vollkommenheit. II. In der Weise wie etwas vom Gliede eines Gegensatzes zu dem anderen entgegengesetzten hin in Bewegung ist, bewegt es sich auch vom Minderen zum Größeren. (5 Physic.) Wenn jemand aber die Gnade verliert durch eine schwere Sünde, wird sein Stand ein anderer, soweit der Stand der Schuld unterschieden ist von dem der Gnade. Wer also von der kleineren Gnade an fortschreitet zu einer größeren, kommt am Ende in den Stand der Vollkommenheit. III. Dadurch daß jemand von der Knechtschaft befreit wird, gewinnt er einen Stand. Durch die heilige Liebe aber wird einer befreit von der Knechtschaft der Sünde, da „alle Sünden die Liebe bedeckt.“ (Prov. 10.) Da nun gemäß der Liebe jemand vollkommen ist, so hat er damit selber daß er vollkommen ist den Stand der Vollkommenheit. Auf der anderen Seite sind manche im Stande der Vollkommenheit befindlich, die der Liebe und der Gnade ermangeln; wie schlechte Bischöfe oder schlechte Ordensleute. Also haben auch umgekehrt andere die Vollkommenheit, ohne daß sie im Stande der Vollkommenheit sind.
b) Ich antworte, der „Stand“ beziehe sich auf Freiheit oder Knechtschaft. Nun kann die geistige Freiheit oder Knechtschaft entweder von seiten des Innerlichen erwogen werden oder von seiten des Äußerlichen, auf die Menschen Bezüglichen. In der ersten Weise wird der geistige Stand im Menschen bemessen nach dem Urteile Gottes, der „in das Herz schaut“ (1. Kön. 16, 7.); — in der zweiten mit Rücksicht auf die Kirche. Und so sprechen wir jetzt von den verschiedenen Ständen, insoweit darauf eine gewisse Schönheit der Kirche sich gründet. Mit Rücksicht auf die Menschen nun ist nicht jemand schon dadurch frei oder Knecht, daß er hie und da einen Dienst leistet oder nicht; sondern er wird dies 1. durch eine dauernde Verpflichtung oder durch die Entbindung davon. Denn auch wer frei ist kann den anderen thatsächlich dienen, nach Gal. 5.: „In der Liebe dienet euch gegenseitig;“ und ein Knecht wird umgekehrt nicht dadurch frei daß er entflieht. Dazu gehört daß jemand verpflichtet ist zu dienen oder daß man ihn von dieser Verpflichtung löste. Zudem ist 2. erforderlich, daß solche Verpflichtung oder die entsprechende Entbindung davon mit einer gewissen Feierlichkeit geschehe, wie ja unter den Menschen auch Verträge u. dgl., damit sie Festigkeit haben, mit einer gewissen äußeren Feierlichkeit abgeschlossen werden. Also die Verpflichtung und die damit verbundene Feierlichkeit macht, daß jemand im Stande der Vollkommenheit sei; und nicht bloß die einfache Thätigkeit der heiligen Liebe. Nun trifft es sich, daß die einen sich verpflichten und der übernommenen Verpflichtung nicht treu bleiben; und andere verpflichten sich nicht, thun aber das Betreffende. So antwortete (Matth. 21.) von zwei Söhnen der eine auf die Aufforderung des Vaters, in den Weinberg arbeiten zu gehen: „Ich gehe; und er ging nicht;“ — der andere dagegen: „Ich gehe nicht, aber er ging.“ Es können also Menschen vollkommen sein und trotzdem sich nicht im Stande der Vollkommenheit befinden; andere aber können im Stande der Vollkommenheit sich befinden und trotzdem unvollkommen sein.
c) I. Durch die körperliche Nahrung schreitet die Entwicklung des Menschen voran in dem, was zu seiner Natur gehört; und somit erreicht er einen Stand mit Rücksicht auf seine Natur, zumal was gemäß der Natur sich vollzieht gewissermaßen unveränderlich ist, insoweit die Natur immer zu Ein und demselben hin bestimmt erscheint. Und ähnlich erlangt jemand vor Gott den Stand der Vollkommenheit durch das geistige Fortschreiten. Aber mit Rücksicht auf die kirchlichen Unterschiede erlangt jemand den Stand der Vollkommenheit nur im Bereiche dessen, was nach außen hin geschieht. II. Auch jener Einwurf betrifft nur den innerlichen Zustand. Jedoch geht jemand, welcher von der Sünde her zur Gnade gelangt, von der Knechtschaft zur Freiheit über, was bei dem nicht der Fall ist, welcher in der Gnade einfach fortschreitet, außer wenn er sich zu etwas verpflichtet, was auf die Gnade sich bezieht. III. Dieser Einwurf ebenfalls geht vom innerlichen Stande aus; und doch ändert auch der Thatsächlichkeit nach die heilige Liebe das Verhältnis der geistigen Knechtschaft und Freiheit, was die bloße Vermehrung der Freiheit nicht macht.
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