Zweiter Artikel. Die unter Gehorsam aufgelegte bischöfliche Würde darf man nicht hartnäckig und unter allen Umstanden zurückweisen.
a) Dem steht entgegen Folgendes: I. Gregor sagt (Past. part. 1. cap. 7.): „Isaias will durch das thätige Leben den Mitmenschen nützen und begehrt deshalb das Predigtamt. Jeremias aber trachtet danach, im beschaulichen Leben der Liebe zum Schöpfer sich hinzugeben und widerspricht deshalb, damit er nicht zum Predigen ausgesandt werde.“ Keiner aber sündigt, der auf das Bessere nicht verzichten will, damit er minder Gutem sich zuwende. Da nun die Liebe Gottes höher steht wie die Liebe des Nächsten und das beschauliche Leben demnach besser ist wie das thätige, so kann es niemals Sünde werden, die bischöfliche Würde zurückzuweisen. II. Nach Gregor (s. Art. 1 ad IV.) „ist es sehr schwer sich als gereinigt zu erkennen.“ Da aber nur ein solcher, der sich als rein erkannt, die bischöfliche Würde übernehmen soll; so darf jeder, welcher sich nicht als zweifellos gereinigt erkennt, durchaus und unter allen Umständen die bischöfliche Würde zurückweisen. III. Über den heiligen Markus sagt Hieronymus, „er habe sich, nachdem er den Glauben angenommen, den Daumen abgeschnitten, damit er für das Priestertum als untauglich gelte.“ Ebenso machen andere ein Gelübde, nicht Bischof werden zu wollen. Das ist aber durchaus dasselbe: einem Amte Hindernisse entgegenstellen und es durchaus und unter allen Umständen zurückweisen. Also kann jemand ohne Sünde die bischöfliche Würde endgültig zurückweisen. Auf der anderen Seite schreibt Augustin an Eudoxius (ep. 48.): „Wenn unsere heilige Mutter, die Kirche, nach euerer Wirksamkeit verlangt, so sollt ihr nicht aus gieriger Selbstüberhebung annehmen und auch nicht aus sich einschmeichelnder Trägheit zurückweisen… Ziehet euere Muße nicht den Bedürfnissen der Kirche vor; denn wenn ihr, die da gebiert, keine guten dienen wollten, so würdet ihr nicht finden, in welcher Weise ihr selber wiedergeboren werden sollt.“
b) Ich antworte, mit Rücksicht auf den eigenen Willen gebühre es dem Menschen, hauptsächlich seinem eigenen Seelenheile zu leben; mit Rücksicht aber auf den Willen anderer, die Gewalt haben über ihn zu verfügen, komme es dem Menschen zu, auf das Seelenheil anderer zu achten. Wie also der Wille ungeregelt ist, wenn der Mensch aus sich selber nach der Vorsteherschaft über andere verlangt; so ist der Wille ebenfalls ungeregelt,wenn der Mensch gegen den Befehl des Oberen das besagte Amt zu übernehmen sich endgültig weigert. Denn 1. widerstreitet dies der Nächstenliebe, die den anderen nützen will (s. oben Augustin und 19. de civ. Dei 19.); und 2. der Demut, kraft deren jemand den Geboten der Oberen Unterwürfigkeit schuldig ist. Deshalb sagt Gregor (Past. part. 1. cap. 6.): „Dann ist vor Gottes Augen die Demut eine wahre, wenn sie nicht hartnäckig darauf besteht, das zurückzuweisen, dessen Übernahme nützlicherweise geboten wird.“
c) I. Schlechthin gesprochen ist allerdings das beschauliche Leben besser wie das thätige und steht die Liebe Gottes höher wie die des Nächsten. Andererseits aber ist das Wohl des Ganzen oder der Vielheit vorzuziehen dem Wohle eines einzelnen. Zudem gehört dies selber zur Liebe Gottes, daß jemand seine Vorsorge den Lämmern Christi widmet. (Vgl. oben Augustin.) Deshalb erklärt zu Joh. ult. (pasce oves meas) Augustin (tract. 125.): „Die Aufgabe der Liebe sei es, die Herde des Herrn zu weiden; wie es das Zeichen der Furcht war, den Hirten zu verleugnen.“ Auch gehen die Bischöfe nicht zum thätigen Leben so über, daß sie das beschauliche verlassen; sondern „in der Weise soll getragen werden die Last des Hirtenamtes, daß nicht beiseite bleibe die Freude an der Wahrheit,“ sagt Augustin. (19. de civ. Dei 19.) II. Keiner darf dem Oberen in etwas Unerlaubtem gehorchen. (Kap. 104, Art. 5.) Sieht also jener, welchem vom Oberen ein Amt übertragen wird, etwas in sich, was ihm die Annahme des Amtes zu etwas Unerlaubtem macht, so darf er nicht das Amt annehmen. Jedoch hängt die Entfernung des Hindernisses bisweilen von ihm selber ab, wenn er z. B. den Willen hat, zu sündigen; und da muß er diesen Vorsatz aufgeben und am Ende dem Oberen gehorchen. Bisweilen jedoch kann der Obere das betreffende Hindernis entfernen, z. B. wenn der betreffende exkommuniziert oder irregulär ist; und da muß er dem Oberen die entsprechende Mitteilung machen und nach dessen Willen sich richten. So entschuldigte sich Moses (Exod. 4.) vor dem Herrn mit seinem Mangel an Beredsamkeit und der Herr antwortete: „Ich will in deinem Munde sein und dir lehren, was du sagen sollst.“ Bisweilen aber kann weder der Obere noch der untergebene das Hindernis entfernen, wie wenn z. B. ein Erzbischof nicht von einer Irregularität dispensieren kann; und da ist der untergebene nicht verpflichtet zur Annahme der bischöflichen Würde oder überhaupt der heiligen Weihen, wenn er irregulär ist. III. Die bischöfliche Würde annehmen ist nicht schlechthin zum Heile notwendig; sondern wird dies erst durch den Befehl des Oberen. Solch Notwendigem aber kann man, ehe das Gebot ergeht, erlaubterweise Hindernisse entgegenstellen; sonst würde es niemandem erlaubt sein, eine zweite Ehe einzugehen, weil er dadurch der bischöflichen Würde oder den heiligen Weihen ein Hindernis entgegenstellt. Der heilige Markus hat nicht gegen den Gehorsam gehandelt, als er sich den Finger abschnitt. Jedoch muß man annehmen, daß er es auf Antrieb des heiligen Geistes that; sonst wäre es nicht erlaubt, an sich selber Hand anzulegen. Wer aber ein Gelübde, er wolle nicht Bischof werden, in der Weise macht, daß er damit beabsichtigt, auch dem Befehle des Oberen durchaus zu widerstehen, der thut Unerlaubtes. Will er jedoch nur damit besagen, er wolle das Seinige thun, um nicht zur bischöflichen Würde zu gelangen, so ist das erlaubt.
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