Sechster Artikel. Der Bischof kann Eigentum besitzen.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Nach Matth. 19, 21. gehört die freiwillige Armut zur christlichen Vollkommenheit. II. Die Bischöfe sind die Nachfolger der Apostel (nach Beda zu Designavit, Luk. 10.); denen der Herr (Matth. 10, 9.) geboten, nichts als Eigentum zu besitzen, so daß auch Petrus (Matth. 19, 27.) sprechen konnte: „Siehe, wir haben Alles verlassen und sind Dir nachgefolgt.“ Also. III. Hieronymus schreibt (ep. 2.): „Kleriker kommt von cleros, was im Lateinischen „Los“ bedeutet; denn die Kleriker sind vom Lose des Herrn oder der Herr selbst ist ihr Los, d. h. ihr Anteil. Wer aber Gott selber besitzt, kann nichts haben außer Gott. Ist Gold nun in seinem Besitze oder Silber oder verschiedene Älcker und mannigfaltige Schmucksachen, so würdigt sich der Herr nicht, zugleich mit diesen anderen Teilen sein Anteil zu werden.“ Also weder Bischöfe noch Kleriker dürfen Eigenes besitzen. Auf der anderen Seite heißt es 12 Qq. 1., cap. 19.: „Was die Bischöfe an Eigentum besitzen, mögen sie es selber erworben haben oder nicht; das können sie, wenn sie so wollen, ihren Erben hinterlassen.“
b) Ich antworte; was in keinem Gebote enthalten ist, dazu bedarf es eines besonderen Gelübdes, um dem gegenüber eine Verpflichtung zu haben. Darum sagt Augustin (ep. 127.): „Du hast bereits gelobt; also bist du gebunden; du kannst fürderhin nicht anders. Vor dem Gelübde konntest du auch das weniger Gute thun.“ Auf jegliches Eigentum aber verzichten, ist nicht geboten, sondern geraten. Deshalb sagt der Herr (Matth. 19.): „Wenn du willst ins Leben eingehen, halte die Gebote;“ und erst später: „Wenn du willst vollkommen sein, gehe hin, verkaufe Alles…“ Die Bischöfe aber verpflichten sich nicht durch Gelübde, ohne Eigentum zu leben; und ebenso gehört die freiwillige Armut nicht notwendig zur Ausübung des Hirtenamtes. Also haben sie nicht die Pflicht, auf Eigenes zu verzichten.
c) I. Die freiwillige Armut ist nicht die christliche Vollkommenheit; sondern nur wie ein Mittel und Werkzeug dazu. Es kann also die christliche Vollkommenheit wohl bestehen mit dem Besitze von Eigenem; wie ja Abraham (Gen. 17.) reich war und doch ward ihm gesagt: „Wandle vor mir und sei vollkommen.“ II. Die Worte des Herrn können
a) im mystischen Sinne verstanden werden, daß nämlich die Prediger seiner Lehre nicht auf das Gold und Silber der weltlichen Weisheit und Beredsamkeit sich verlassen sollen, nach Hieronymus zu Matth. 10. (Neque duas tunicas); —
b) in erlaubender Weise, so daß der Herr den Aposteln erlaubte, die notwendigen Lebensbedürfnisse von den Gläubigen zu empfangen, anstatt selber Gold und Silber zu besitzen; wer demnach auf eigene Kosten das Predigtamt übernimmt, wie Paulus (1. Kor. 9.), der thut ein Werk, wozu er nicht verpflichtet ist; nach Augustin (2. de cons. Evgl. 30.); —
c) in räumlich beschränkter Weise, daß nämlich die Worte Christi nur für jene einzelne Reise galten, auf welcher sie den Juden predigen sollten und sie demgemäß von Vertrauen erfüllt seien auf Gott, wenn sie zu allen Nationen gesandt werden würden; nach Chrysostomus (hom. 2. zu Röm. 16. Salutate Priscillam). Daraus aber entstand keine Verpflichtung, daß nun die Apostel und ihre Nachfolger auf alles Eigene verzichten sollten, wenn es gälte, das Evangelium zu predigen. Denn auch Paulus nam nach 2. Cor. 12. von anderen Gaben an, um den Korinthern predigen zu können und besaß etwas als eigen, was andere geschickt hatten. Eine Thorheit aber waäre es zu meinen. so ciele heilige Bischöfe, wie Athanasius, Ambrosius, Augustinus, hätten solche Vorschriften vernachlässigt, in der Meinung, sie seien dazu nicht verplichtet. III. Jeder Teil ist kleiner wie das Ganze. Wer also Gott als einen Teil neben anderen Teilen betrachtet; dessen Mühen werden für das, was Gott gehört, notwendig geringer, wenn er auf das achtgiebt, was der Welt gehört. In dieser Weise dürfen weder Bischöfe noch Kleriker Eigenes besitzen, daß die Sorge darum einen Mangel zur Folge hat in dem, was Gottes ist.
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