Zweiter Artikel. Die Einigung des „Wortes“ mit dem Fleische hat sich in der Person vollzogen.
a) Dem wird widersprochen. Denn: I. Die Person in Gott hat kein anderes Sein als die Natur Gottes, nach I. Kap. 3, Art. 3. Ist also die Einigung nicht in der Natur geschehen, so auch ebensowenig in der Person. II. Die menschliche Natur in Christo hat nicht weniger Würde wie in uns. In uns aber schließt der Charakter der Person eine Würde der Natur in sich ein. Da also in uns die Natur eine eigene Persönlichkeit hat, muß sie eine solche auch um so mehr in Christo haben. III. Nach Boëtius ist „die Person die einzeln bestehende Substanz der vernünftigen Natur“ (de duab. nat.). Das Wort Gottes hat aber eine einzeln bestehende menschliche Natur angenommen; denn „eine Natur im allgemeinen ist an sich betrachtet nicht fürsichbestehend, sondern einzig Gegenstand bloßer Betrachtung“ (Dam. 3. de ortlh. fide 11.). Also hat die menschliche Natur in Christo ihre eigene Persönlichkeit. Auf der anderen Seite bestimmt das Konzil von Chalcedon: „Nicht daß Christus in zwei Personen geteilt sei, sondern den einen und nämlichen Eingeborenen Sohn, Gott, das Wort, bekennen wir als unseren Herrn Jesum Christum.“ Also ist die Einigung in der Person geschehen.
c) Ich antworte, „Person“ bezeichne etwas Anderes wie „Natur“. Denn „Natur“ bezeichnet das Gattungswesen, wie solches durch die Begriffsbestimmung oder Definition ausgedrückt wird. Träte nun zu solchem Gattungswesen nichts Weiteres hinzu, so bestände keinerlei Notwendigkeit, zu unterscheiden die Natur vom Suppositum der Natur d. h. von dem, was als Einzelnes in dieser Natur für sich besteht; denn es würde dann solches Einzeln-Fürsichbestehende ganz und gar zusammenfallen mit der Natur, wie sie das Gattungswesen vorstellt. Es trifft sich aber, daß in fürsichbestehenden Dingen sich Manches findet, was nicht zur Wesensgattung gehört und nicht in ihr eingeschlossen ist, wie die hinzutretenden Eigenschaften und die Principien des Einzelseins; was im höchsten Grade erscheint bei den Dingen, die aus Stoff und Form zusammengesetzt sind. Und deshalb besteht dem tatsächlichen Sein nach ein Unterschied zwischen Natur und Einzelbestehen oder suppositum. Nicht als ob Beides ganz und gar voneinander getrennt wäre; aber das Einzelbestehen schließt in sich ein das Wesen der Gattung und noch dazu Manches, was zu diesem hinzugetreten ist und nicht in der Wesensgattung inbegriffen erscheint. Demgemäß bezeichnet man das Einzelbestehen oder suppositum als das Ganze, welches die Natur als den formal bestimmenden d. h. den Charakter der Wesensgattung vollendenden Teil seines Seins trägt. Und deshalb wird in dem stofflich Zusammengesetzten die Natur nicht ausgesagt vom Einzelbestehenden oder dem suppositum; wir sagen z. B. nicht, daß dieser Mensch seine Menschheit d. h. seine menschliche Natur sei. Besteht aber in einem Wesen, wie dies in Gott der Fall ist, durchaus nichts, was außerhalb der inneren Natur der Wesensgattung stände; so ist in einem solchen Sein kein Unterschied zwischen Natur und Fürsichbestehen oder suppositum, außer etwa nach der verschiedenen Auffassung. Denn man spricht dann von „Natur“, insoweit man die Wesenheit auffaßt; von „Fürsichbestehen“ oder „suppositum“ aber, insoweit etwas in dieser Wesenheit einzeln für sich besteht. Was nun hier im allgemeinen vom „Einzelbestehen“ oder suppositum gesagt worden, das gilt auch insbesondere von der Person, soweit es die vernünftige Natur angeht (cf. Boëtius de duab. nat.). Alles also, was einer einzelnen Person innewohnt, sei dies „Natur“ oder nicht, wird mit dieser eins in der Einheit der Person. Wird also die menschliche Natur mit dem Worte Gottes nicht eins in der Person, so wird sie mit Ihm in keiner Weise vereinigt; und damit würde durchaus das Geheimnis der Menschwerdung fallen, was nichts Anderes als den christlichen Glauben zerstören hieße. Da somit das göttliche Wort mit Sich verbunden hat die menschliche Natur, die Einheit aber nicht dasteht mit Rücksicht auf die Natur, so folgt, daß sie nur in der Person bestehen kann.
c) I. Allerdings ist dem tatsächlichen Sein nach in Gott dasselbe: Person und Natur. Ein Unterschied aber besteht gemäß der Weise der Auffassung oder Bezeichnung, wie oben gesagt, weil „Person“ sagen will: das Fürsichbestehende. Und weil die menschliche Natur so mit dem „Worte“ geeint ist, daß das „Wort“ in ihr für sich besteht; nicht aber daß zu ihr als Natur etwas hinzugefügt oder sie in etwas Anderes verwandelt wird; — deshalb ist die Einigung der menschlichen Natur mit dem Worte Gottes geschehen in der Person und nicht in der Natur; denn die menschliche Natur ist vollständig da. II. Der Charakter der Persönlichkeit schließt insoweit Würde in sich ein, als es eine Würde ist, fürsichzubestehen. Würdevoller aber ist es, daß etwas selbständig fürsichbesteht in etwas Würdevollerem oder Höherem und Selbständigerem als daß es aus sich allein heraus fürsichbesteht. Die menschliche Natur in Christo also hat mehr Würde, weil sie da fürsichbesteht in der Person des „Wortes“; in uns aber hat sie nur die eigene Persönlichkeit. So gehört auch das, was die Wesensgattung vervollständigend vollendet, zur Würde der Form; trotzdem aber ist das Sinnliche im Menschen höherstehend und würdevoller wegen der Verbindung mit einer höheren, würdigeren vollendenden Form, wie im vernunftlosen Tiere, wo es selber, das Sinnliche, vollendende oder bestimmende Form ist. III. Das Wort Gottes hat die menschliche Natur angenommen, „nicht als eine allgemeine, sondern als einzelne, in atomo, wie Damascenus sagt (l. c.). Sonst müßte es jedem Menschen zukommen, Gottes Wort zu sein, wie dies Christo zukommt. Dabei muß jedoch berücksichtigt werden, daß nicht jegliches Einzelbestehen oder individuum, auch nicht in der vernünftigen Natur, im Bereiche der Art „Substanz“ den Charakter der Person hat; sondern dies hat nur jenes Einzelbestehen, was fürsichbesteht, nicht aber jenes, was in etwas anderem Vollendeterem sein Bestehen hat. So ist die Hand des Sokrates wohl ein Einzelbestehen, ein individuum; aber sie ist nicht Person, weil sie in etwas Vollendeterem ihr Bestehen hat, nämlich im Ganzen, und nicht in sich selbst. Deshalb wird auch gesagt, die Person sei eine einzelne Substanz, substantia individua; denn die Hand ist keine vollständige Substanz, sondern Teil einer Substanz. Es ist also ganz wohl die menschliche Natur etwas Einzelnes im Bereiche der Art „Substanz“; weil sie aber nicht ein getrenntes Fürsichbestehen hat, sondern in etwas Vollendeterem, in der Person des „Wortes“ nämlich, fürsichbesteht; so folgt, daß sie keine eigene Persönlichkeit hat. Und sonach ist die Einigung gemacht in der Person.
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